Samstag, 6. Juli 2013

Starke Frauen... nachzuLESEN




Zur Ausstellung Starke Frauen. Schlaue Köpfe mit gleichnamigem Buch, Schwerte Juli 2013



Meine Damen und Herren,

gerade aktuell gab es ein allgemeines Aufheulen:
Die Universität Leipzig verkündete, der Titel „Professorin“ gelte ab sofort auch für Männer, der „Professor“ sei ja darin enthalten.
Natürlich war das ein symbolisches Experiment; das uns, unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält. Es sei doch nur Sprachkosmetik, nur ein Wort – so ein Kommentar der moderaten Sorte. Dazu fiel mir natürlich gleich das Begriffspaar herrlich – dämlich ein. Nur ein Wort, ja. Auch Junge – Mädchen, noch immer gebräuchlich, sind nur Wörter. Da dürfen wir wohl froh sein, dass wenigstens das leidige Fräulein getilgt ist.

„Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“: Gegen solche Buchtitel sind wir noch lange nicht immun. Wie oft war damals (im Jahr 2000), als das Buch erschien, lachender Beifall zu hören: Jaaaa, kenne ich, stimmt genau! – Man versteckt sich gern hinter dem „Humor“ an der Sache. Frauen, die vehement für Gleichberechtigung plädieren, galten, gelten ja als humorlos.
Kleine Notiz am Rande: Zum Erscheinen des genannten Buches war es gerade mal zehn Jahre her, dass sich der letzte Schweizer Kanton dazu durchgerungen hatte, den Frauen das vollständige Stimmrecht zuzubilligen – 1990!

Sie werden es ahnen: Die Wurzeln liegen – bei Adam und Eva.
Mit Vorliebe wurde Jahrhunderte lang eine Kette aus Ursache-Wirkung-Gliedern geschmiedet, die den Frauen das Gehen in die Selbstständigkeit im Sinne einer Selbstbestimmung unendlich schwer machte: Eva wurde ja angeblich aus einer wertlosen, weil notfalls verzichtbaren Rippe Adams erschaffen, die Frau konnte also nur eine Art Billigware sein; und mit der vermaledeiten Schlangengeschichte wurde sie zur „Verführerin“ des Mannes gemacht, verantwortlich für den Rausschmiss aus dem Paradies: Über endlose Jahrhunderte eine Rechtfertigung dafür, dass die Frauen unter die Obhut – heißt im Klartext: Vormundschaft – des Mannes gehören und folglich „nichts zu sagen“ haben.

Auch wenn die Zeiten anders geworden sind, haben wir leider immer noch einige Aufräumarbeiten aus dem Mittelalter zu erledigen.
In diesem Rahmen sind Projekte wie Starke Frauen. Schlaue Köpfe erschreckend nötig, um die „weiblichen“ Spuren, die sich irgendwie noch finden lassen, freizulegen und in den Köpfen aller zu verankern. Vergessen, weil unterjocht; unterjocht, weil vergessen – das darf es nicht geben:

Die Kirche des Mittelalters hat das Bild der schwachen Frau, die unter die Kontrolle des Mannes gehört, bekanntlich mächtig gefördert. Biblische Stellen wie die, dass Frauen in der Gemeinde zu „schweigen“ und sich den Männern „unterzuordnen“ haben, bekamen unverhältnismäßiges Gewicht, wobei nicht einmal klar ist, ob sie – wie in diesem Fall – später eingefügt wurden bzw. ob hier nicht ein spezieller Fall einfach verallgemeinert ist, weil er so gut ins Gesamtbild passte.
Wie wir alle wissen, ist der Begriff „Hexe“ ziemlich weiblich besetzt. 80% der armen Verfolgten – angeblich behext oder behexend – waren weiblich, denn männliche Magie galt als weniger gravierend und teuflisch, obwohl der Herr Teufel ja ein Mann sein dürfte.
Einige Zeit nach den Hexenverfolgungen – aber durchaus im Gefolge – passierte es, dass die Ehefrau Steffen aus Schwerte 1820 als „Quacksalberin“ angezeigt wurde. Sie war eine „kräuterkundige Frau“; dass sie mit ihrer Tätigkeit für sich und ihren blinden Mann aufkam und überdies keine Beschwerden über fehlerhafte Behandlungen vorlagen, spielte keine Rolle: Sie war schlichtweg eine Konkurrenz zur (männlichen) Ärzteschaft. Der gestutzte Name „Ehefrau Steffen“, der hier nurmehr übrig geblieben ist, erinnert mich an etwas, was noch gar nicht weit zurück liegt: Die Adressierung „An Frau Hans Müller“. Komisch, dass das oben genannte Experiment mit den Professorinnen so vielen quer geht, Frau Hans Müller aber dermaßen lange üblich war.

Sehr humorvoll ging die Schwerterin Luise Elias in den 1910er und -20er Jahren mit einem, „ihrem“ männlichen Namen um: unter dem Pseudonym Ernst Heiter veröffentlichte sie ihre Gedichte. Schreibende Frauen waren noch eine Seltenheit, wahrscheinlich fürchtete sie Verachtung – und kreierte auf diese Weise, ganz aktuell, einen „Produktnamen“. Und doch ist der Gedanke erschreckend, dass eine Frau überhaupt überlegen muss, sich hinter einem männlichen Namen zu verstecken.

Frau-Sein und Mutterschaft wurden – Evas großes Pech – über Jahrhunderte gleichzeitig idealisiert und dämonisiert.
Da war es sehr mutig, dass die Schwerterin Gertrud Büchsenschmidt, die im 17. Jahrhundert lebte, für ihren unehelichen Sohn den Unterhalt mit Erfolg einklagte. Die „Obhut“ des Mannes, des Kindsvaters, war nämlich nichts als eine leere Versprechung gewesen. Gertrud ließ sich das nicht gefallen.
Sie war allerdings nur deshalb erfolgreich, weil sie gebildet war: Sie konnte lesen und schreiben und so überhaupt nur mit dem Schwerter Stadtgericht korrespondieren – für eine Frau damals sehr ungewöhnlich. Wir sehen hier kristallklar, was Bildung ausrichten konnte und kann.

„Wie sehr haben sich die Zeiten geändert,“ sagte 1957 die Schwerter Lehrerin Agnes Tütel, „das Recht auf Arbeit und Bildung für Frauen, um das sie so hart gekämpft haben, ist seit langem anerkannt“. Ja, da war man auf dem richtigen Weg, das stimmt, aber sie selbst hat noch erleben müssen, dass sie „wegen fehlender akademischer Ausbildung“ die Leitung der Höheren Mädchenschule abgeben musste – an einen Mann. Außerdem unterstand sie dem „Lehrerinnenzölibat“ – unglaublich, oder? –: Lehrerinnen durften, wenn sie heirateten, ihren Beruf nicht mehr ausführen und verloren obendrein ihr Altersgehalt. Wenn man bedenkt, dass sie ohnehin weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen, dass außerdem diese Regelung hierzulande sage und schreibe bis 1951 galt (in Baden-Württemberg sogar bis 1956), kommt einem das alles viel zeitferner vor als es ist.

Die über Jahrhunderte währende Nichtzulassung von Frauen an Universitäten – erst im 19. Jahrhundert änderte sich das in kleinen Schritten – diente selbstverständlich dazu, weibliche „schlaue Köpfe“ gleich schon dem Wettbewerb zu entziehen. Mit dem hinlänglich bekannten „Argument“, der Platz der Frau sei es, für Mann und Kinder zu sorgen, konnte man da alles abbügeln. So waren die Höheren Töchterschulen, die es immerhin ab ungefähr 1800 gab, für die Vorbereitung auf die „häuslichen Pflichten“ eingerichtet und boten nicht etwa die Möglichkeit des Abiturs. Die Lehrerinnenausbildung war folglich auch nicht-akademisch.

Nicht-akademisch: In dieser Tradition ist zu sehen, dass heute in Kindergärten und in Grundschulen fast nur Frauen beschäftigt sind. Das prangerte kürzlich die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder an. Michael Meuser, Vorsitzender ihres Beirates Jungenpolitik, fordert: “Wir empfehlen, endlich die Lohnstrukturen bei Erziehern (!) und Grundschullehrern (!) zu verändern, so dass diese Berufe attraktiver werden.“ (1) – womit er nicht etwa sagen will, dass die Frauen unterbezahlt werden; nein, er meint, dass man auf solche Weise Männer in diese Berufe locken könne, damit die Jungen endlich nicht mehr nur weibliche Bezugspersonen haben. Dazu könnte man viel ergänzen, es würde aber den Rahmen meines kleinen Textes sprengen: Ich war jedenfalls sprachlos.

Im Jahr 2013 angelangt, schauen wir nun auf die „Schlauen Köpfe“ – die sich mit den 22 „starken Frauen“ der Vergangenheit befasst haben. Ein Portrait ist immer eine persönliche, exklusive Annäherung an die jeweilige Person in ihrem historisch-gesellschaftlichen Umfeld; eine Ausstellung lässt daran teilhaben.
Die technisch komplizierte Ausführung einer Portraitplastik aus Ton bringt die Künstlerin der Portraitierten noch einmal deutlich näher und macht den Vorgang fast-meditativ. Erinnerungen an die eigene Großmutter, an Notzeiten, an gedeckte Tische – und auch kritische Auseinandersetzung beispielsweise mit der Frage, ob die „unterwürfige“ Haltung der Schwerter Pannekaukenfrau (Skulptur) nicht historisierenderweise gerade das Frauenbild überliefert, das man doch gerade überwinden will, wenn man ihr ein Denkmal setzt. Intensive Gefühle kommen noch einmal ins Spiel, wenn man dem eigentlich fertigen Tonkopf gleichsam die Schädeldecke aufschneiden muss, um ihn auszuhöhlen, damit er beim Brennprozess nicht zerspringt – so, als müsse man die Frau, mit der man sich so lange befasst hat, verletzen.

Meine eigene Arbeit verlief – wegen der Collage-Technik – natürlich ganz anders, aber auch hier war eine Verletzlichkeit zu spüren, die Behutsamkeit forderte. Ich habe in die Fotos gezeichnet, sie übermalt, Stellen freigelegt – zusammen mit meinen eigenen Gedanken. Gedanken – heißt hier auch danke zu sagen an unsere Ahninnen, die den Weg bereitet haben für uns.
Und danke dem Schwerter Arbeitskreis Frauengeschichte(n), der uns diese Perspektive überhaupt erst ermöglicht hat.

Zerbrechlich wie Ton, zart wie Papier ist jede einzelne Biografie – vielfach mit Lücken, stellenweise Emotionen in uns hervorrufend, dass es doch anders hätte ablaufen können und müssen. Sehen wir aber auch: Diese Frauen zeigen, dass Mut und Elan, Beharrlichkeit, Fantasiereichtum, Hilfsbereitschaft und Stärke weder männlich noch weiblich, sondern uns allen geschenkt sind.
Egal, ob wir im kleinen Kreis aktiv sind oder in der Öffentlichkeit: Geben wir uns gegenseitig alle Chancen dazu, mutig und fantasievoll wirken zu können.

Ich empfehle an dieser Stelle herzlich das Buch zur Ausstellung Starke Frauen. Schlaue Köpfe: liebevoll zusammengestellt/ herausgegeben vom AK Frauengeschichte(n) und wunderschön gestaltet von Sigrid Helling. 10 Euro.

Marlies Blauth (©)


(1) zitiert in der Rheinischen Post/ Juni 2013, Hinweise auf die Fragwürdigkeit der Terminologie von mir

weitere Quellen:
Frauen- und geschlechtergeschichtliche Perspektiven der Hexenforschung,
Bundeszentrale für politische Bildung: Frauenbewegung, www.bpd.de

Verschiedene Wikipedia-Artikel

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