Sonntag, 8. Februar 2015

Mutter-Sein










Mutter-Sein

Eigentlich habe ich’s ja schon lange vor, bin sozusagen schwanger gegangen damit, einen Blogbeitrag über bestimmte Aspekte des Mutterseins zu schreiben; aber irgendwas hat mich immer davon abgehalten. Vielleicht die Gefahr, ins allzu Private abzurutschen, das, für mich jedenfalls, im Netz nichts zu suchen hat. Oder auch die Frage nach der Sprache: Wissenschaftlich ist da nix, eine Glosse passt so recht nicht, und beim Geplauder muss man aufpassen, nicht zu „ichig“ zu werden.

Allerdings bin seit über 20 Jahren Mutter, und als ich letztens einen Blogbeitrag zum Thema Stillen las, triggerte das mein Vorhaben, ein paar Erlebnisse festzuhalten. Auch wenn sie gewisse bagatellige Ähnlichkeiten mit den allbekannten Reissäcken haben, die irgendwo in der Welt umfallen: An den Folgen einer merkwürdig schlicht-konservativen Denkweise, die mir als Mama immer wieder begegnet ist, habe ich ganz schön lange knacken müssen. Ich habe in diesen zwanzig Jahren viel gelernt, über mich selbst und über die Gesellschaft. Und das möchte ich hier ansprechen.

Ich fange mal mit einer positiven Erfahrung an; das heißt, genau betrachtet ist es die Abwesenheit einer negativen: Nein, ich habe nie, wirklich nie, eine dumme Bemerkung über meine – für die Jetztzeit – überdurchschnittliche Kinderzahl (nämlich vier) aufgeschnappt. Was man da so hört und liest, dass angeblich ganz viele Leute mit Adjektiven wie „asozial“ um sich werfen, kann ich überhaupt nicht bestätigen. Und meine Bilanz mag insofern repräsentativ sein, als ich mit den Kindern oft zu Fuß, oft mit Bus und Bahn unterwegs war – also wirklich „öffentlich“. Wir haben fast immer viel Hilfsbereitschaft und Respekt erfahren.

Aber einiges andere fand ich einfach grottig.
Ja, die Hormone schütten sich im Schwall aus, wenn das Baby endlich geboren ist. Man schläft zu wenig, macht sich Sorgen über jeden „komischen“ Atemzug des Neugeborenen, so vieles ist neu und anders. Ganz sicher ändert sich eine Frau, wenn sie Mutter geworden ist und diese neuen Erfahrungen macht, die nicht zuletzt auch körperlicher Art sind. Aber Änderungen werden auch durch Arbeitsstress oder Arbeitslosigkeit, Krankheit und Gesundung, Verliebtsein oder Trennung generiert. Das Leben ist Metamorphose. Und das Mutter-Werden und -Sein ist ein Schritt unter ganz vielen anderen.
Mein erster Zusammenprall der Mutti-Art war eher unscheinbar: „Was? Ich wusste ja gar nicht, dass Sie stricken!“ – wobei ich den Tonfall hier leider nicht wiedergeben kann, er hatte die Marke „jetzt haste verschissen“. Dem Fragesteller war Stricken wohl zu unintellektuell, und das musste er nun unbedingt kundtun.
Und das war nur der Einstieg: „Stillen Sie?“ – wurde ich ständig gefragt, auch von Leuten, die ich bislang für ziemlich vernünftig gehalten hatte und die auch nichts sahen, was eventuell auf Still-Absichten hingedeutet hätte. Ich kam aus dem Staunen kaum heraus. War ich plötzlich … Freiwild für doofe Fragen und Bemerkungen? „Wie oft gehen Sie täglich aufs Klo?“ – das läge für mich auf derselben Linie. Jedenfalls begann ich irgendwie zur öffentlichen Person zu werden – öffentlich geöffnet wie eine Dose Sardinen auf dem Bahnhofsvorplatz. „Kann das Kind denn schon dies-und-das? – Wann geht es in den Kindergarten? – Bekommt es denn auch regelmäßig dies-oder-jenes zu essen? – Was sagt der Kinderarzt? – Impfkalender! – Bloß nicht alles impfen! – Einmal täglich eine warme Mahlzeit muss sein!“
Manchmal antwortete ich ehrlich. „Nee, Kindergarten erstmal nicht.“ Und dann kam eine Salve mit pädagogischem Dingens, ich hielt dagegen, dass ich nicht einsehe, dass ein Kleinkind einen „strukturierten Tag“ haben oder sich permanent in einer Gruppe „durchsetzen“ muss – und so weiter.
Ja, dieses ständige Sich-Erklärenmüssen. Rechtfertigungen, weil man etwas macht oder eben nicht, warum man diese und jene Entscheidung getroffen hat. Und ja, nicht einmal ein „Schau’n wir mal – ich weiß es noch nicht“ wurde anstandslos geschluckt, sondern vielmehr mit Hektik für mich gespickt, dass ich mir darüber aber doch längst Gedanken hätte machen müssen.
Übrigens waren zwei meiner Kinder (1 + 4) gar nicht im Kindergarten, eins nur recht kurz, bis wir es wieder herausnahmen (3), eins – hach, wenigstens dieses (2) – im „normalen Ausmaß“. Quizfrage: Gibt es Unterschiede? Sozialverhalten? Fertigkeiten? Schulreife? Tränen beim Schulanfang?? – Nein … es wird jetzt einige enttäuschen: Es gibt keine Unterschiede, außer den individuellen, jenen, die man ohnehin kaum beeinflussen kann. Man merkt/e es keinem der Kinder an, ob oder ob nicht. Bei keinem einzigen der Kinder gab es Probleme, sich in der Schule einzuleben. Und ihr „Sozialverhalten“ wurde und wird von den Lehrern oft positiv angemerkt. Soviel zum Thema: Kindergarten muss sein. Klar, wenn man nicht weiß, wie es ohne geht, dass es ohne geht, urteilt man vielleicht anders. Aber warum eigentlich überhaupt: be-urteilen?
Nun gut. Als Freiberuflerin, zeitlich flexibel und weniger Geld verdienend, bekam ich den familiären Aufgabenbereich zugeteilt. Da ich unter anderem ja eine pädagogische Ausbildung habe, war das für mich keine große Entscheidungsaktion. Aber: Meine Gesamtbilanz ist doch ziemlich unterirdisch. Zwanzig Jahre höchst kulturelles Schaffen, nämlich vier Kinder fürs selbstständige Leben auszurüsten, landet gesellschaftlich gesehen in einer der Schubladen, in die man kaum hinein sieht. Nur dann werden sie aufgezogen, wenn irgendwas nicht rund läuft; ansonsten heißt es, dass die Kinder sich entwickeln. Mütter/ erziehende Eltern(teile) werden indes zur Randerscheinung, nur dann erwähnenswert, wenn z. B. der berufliche Alltag durch Kinder gestört wird.
Mit freiberuflicher Tätigkeit, wie gesagt, ging das alles, ich wusste es sehr zu schätzen, dass kein Arbeitgeber knötterig wurde, wenn ich mal einen Termin verschieben musste (so etwas passierte zum Glück sehr sehr selten – aber das kann ich ja erst jetzt im Rückblick sagen). Die Kehrseite: Sich abbuckeln ohne Ende. Kämpferisch sein. Unbedingt am Ball bleiben.
Und damit klar kommen, dass ich nun – irgendwie – ein Winzling bin: eine kleine Kleinunternehmerin. Die Kinder gehen aus dem Haus, zurück bleibt, sozusagen, ihre Hülle, der Kokon des Schmetterlings. Ich habe kein Diplom erhalten, keine Medaille, nichts, was man sich an die Wand pappen könnte um zu sagen: Das habe ich die letzten zwanzig Jahre gemacht … Morgens um sechs Vokabeln abgefragt, medizinische Erstdiagnosen gestellt, 1000 Fragen im Handumdrehen beantwortet, Express-Nachhilfe gegeben, Küchendienst, Einkaufs-, Aufräum-, Putzdienst. Bremsen und Tunen, alles zu seiner Zeit. Dasein und unsichtbar sein – auch alles zu seiner Zeit. Lebender Duden. Farbberatung. Künstlerisches Coaching. Prellbock.

Ganz ehrlich: Ich hatte und habe allen Grund dankbar zu sein, dass es so gut gelaufen ist – aber muss alle Welt das ES immer so betonen?


Marlies Blauth
















Kommentare:

hehocra hat gesagt…

Wenn das Private, gar Intimes, öffentlich gemacht bzw. in die Öffentlichkeit gezogen wird. Ein Gefühl, das wohl jede Mutter kennt. Wenn andere alles besser wissen. Dies ist mir das erste Mal im Zuge meiner Hochzeitsvorbereitungen begegnet.
Ein permanentes Grenzen setzen. Immer wieder schauen, wo der eigene Weg ist. Sich dessen selbst-bewusst werden und sein.
Vielen Dank für Deine Worte, Deinen Rückblick, der mich in meinem Muttersein, meinem unserem Weg bestärkt.
Herzliche Grüße, Doreen

Michael Hermann hat gesagt…

Liebe Marlies.
Ganz ehrlich - ES ist ein toller Text. ... ich bewundere Dich sowieso.
... sehr, sehr passendes Bild dazu.
Michael

Evelyn Kuttig hat gesagt…

Das musste mal gesagt werden, liebe Marlies ;-) Habe ich heute gerade gelesen, und ich finde daran immer noch nur Wahres: "In my heart, I think a woman has two choices: either she's a feminist or a masochist." Gloria Steinem

Lucia hat gesagt…

"dass ich ein Winzling bin" - das Gefühl teile ich mit dir. Und der Wunsch danach, etwas an die Wand pappen zu können, eine Auszeichnung... den habe ich auch.

Gerade eben sah ich wieder einmal ein entsetztes Gesicht: was, du arbeitest erst seit 5 Jahren wieder? Denn die drei Kinder, die ich habe und eines davon behindert, was zählt das schon? Wenig. Winzlingsdasein. Ich lege dieses Maß nicht an mich selbst an, ich weiß, was mir wichtig ist, nur hätte ich gern ab und zu von außen ein entsprechendes Signal...
Danke für deine Gedanken und viele Grüße von Lucia