Montag, 9. Februar 2015

"vegan" – huh







Vegan – huh


Nein – oder ja, je nachdem –, ich lasse mich weder zwingen, meinen Kaffee schwarz zu trinken, noch macht mir jemand mein geliebtes Daunenkissen abspenstig. Im Winter gieren meine kalten Füße nach Wollsocken, mein bisweilen heiserer Schlund nach Tee mit Honig; ich will nicht ständig Plastik- oder Stoffschuhe tragen und mag durchaus Currywurst und Schnitzel essen.

Derzeit zeigen unsere Medien so dankbar wie permanent die veganen Gefahren auf – kein Wunder, es besteht ja landesweite Aufjaul- und Aufreggarantie: Mangelernährung! Und die Kinder! Und die Verbohrtheit! „Die“ wollen uns buchstäblich die Butter vom Brot klauen! Lasst euch bloß kein schlechtes Gewissen aufhalsen! Ein Wurstbrot wird ja noch erlaubt sein …

Und dazu kann ich nur sagen: Ich finde vegan – gut. Denn für jeden Veganer wird nicht geschlachtet und gequält; basta.

Und überhaupt begrüße ich, dass es Menschen gibt, die neue Wege suchen.
Nun ist nicht jeder Weg uneingeschränkt gangbar, das wissen wir. Bestimmt werden einige Veganer auch „umkehren“, denn nicht jedes Experiment auf der Welt gelingt. Aber: Auch andere Wege erweisen sich als Sackgasse – täglich fürstlich-fleischig essen zu können, den Indikator des Wohlstands immer wieder vom Teller abzulesen, war vielleicht ein probater Wunsch. Aber da wir es uns eben doch nicht leisten können, massenhaft wie der frühere Adelsstand zu tafeln, müssen wir immer öfter zumindest mit geschönten, in Wirklichkeit absolut leeren Versprechungen auskommen. Der allbekannte Serviervorschlag auf den Verpackungen, eine Ideal-Abbildung des Produkts, sagt nichts über verarbeitete Schlachtreste, verfütterten Ekelkram oder stabilisierende Chemikalien aus. Klar, die Nettigkeiten setzen sich schöner fest als die Widerwärtigkeiten. Dass wir da schon mittendrin sind in der Sackgasse, indem wir uns beispielsweise stallgenerierte Keime aufpfropfen lassen, gegen die nichts mehr hilft, ist nichts Neues mehr. 

Und letzten Endes geht es beim Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Thema vegan doch – hoffentlich! – um nichts anderes als Fanatismus und die Angst davor. Die diesbezüglichen Schrecknisse in der Welt lasse ich jetzt mal weg, über die mag ich mich nicht äußern; über die „Alltagsfanatiker“ aber schon. Es ist leicht, dieses Problem auf diejenigen abzuwälzen, die sich irgendwie „anders“ ernähren: Man ist sich weitgehend einig und riskiert nichts, in Bielefeld fällt ein Sack Reis um, in Hamburg ein Sack Soja, wir können mal schön auf die Veganer (oder Vegetarier oder „Pseudo“-Allergiker oder … oder …) einkloppen und dann zur Tagesordnung übergehen.

Ich möchte behaupten: Unsere Attacken treffen Stellvertreter – unsere Ängste sind in Wirklichkeit doch ganz andere, denn jeder vernünftige Mensch weiß, dass kein Veganer je befähigt sein wird, Dir das Kotelett und mir das Leberwurstbrot zu verbieten. Und genauso bezweifle ich, ob die latenten Gewissensnöte, in die uns die vegan Lebenden angeblich hineintreiben, tatsächlich bei allen zu finden sind, die sich über die „veganen Fanatiker“ aufkreppen. Ist es nicht eher so, dass da ein vegan gewebtes Schreckgespenst über dem biederen Alltag wabert, ohne dass man überhaupt einen Veganer persönlich kennt?

Klar, es gibt sie, die Missionierten und Missionierenden. Manche haben ihre Ernährung, ihre Lebensweise „umgestellt“ und erzählen das jedem, der es nicht hören will. Aber mal ehrlich: Haben Sie alle Freunde von früher noch? Der eine kennt nur noch seinen Sport, den anderen hat der Alkohol zur Unkenntlichkeit verändert, der dritte ist plötzlich „bekennender Christ“ (oder so ähnlich). Es gibt viele Möglichkeiten, warum, im Gegensatz zu früheren Zeiten, keine Interessensschnittmengen mehr existieren. Das Vegan-Werden kann eine von diesen sein. Geschmackssache, würde ich sagen, was noch erträglich ist und was Freundschaften endgültig zerstört: Übereifer, der nicht wenigstens ansatzweise geteilt wird, nervt immer.
Ich bin mal mit wehenden Fahnen geflüchtet, als mich ein Mitglied einer Freikirche tadelte – eigentlich ein netter Mensch –, ich dürfe ihm nicht die Daumen für eine Klausur drücken, es nicht einmal sagen: Aaaberglaube! Böseböseböse!

Ist es nicht das, was uns alle stört? Das Rigide, das Gekrittele, das Besserwissen, das 150%ige? Du darfst nicht, du sollst, du müsstest … das IST doch …? Und dann spielt es kaum noch eine Rolle, ob der Fleischesser missioniert oder der Nichtfleischesser, der Religiöse oder der Antireligiöse, der Wissenschaftsgläubige oder der Esoteriker.
Und wenn mir bei meinen Ausritten durchs Netz der Theologe begegnet, der gegen Veganer und Esoteriker zu Felde zieht, dann kann ich nur eins: lachen. Mit einem weinenden Auge, natürlich. Wir werden sie nie los, die Fanatiker. Ich halte es allein für biografisch bedingten Zufall, was sie jeweils hyperaktiv befehden. 

Ich kenne einen Veganer, dessen Einstellung mir erst bekannt wurde, als es ein westfälisches Schlachtplattenbüffet (und sonst nichts) für alle gab. 

Wer wollte da jetzt wen „missionieren“?



Marlies Blauth




1 Kommentar:

Michael Hermann hat gesagt…

Sehr gut geschriebener Text - manchmal zum Schmunzeln.
... und doch ein "tiefes" Thema.
Wahrscheinlich wächst man im Laufe der Jahre an seiner Einstellung.
"Beide Seiten" sind wunderbar beleuchtet. Toll finde ich`s, wenn man nicht in "militantem" Missionarismus verfällt - denn DER überzeugt keinen.
Herzliche Grüße,
Michael