Dienstag, 22. März 2016

Kurzprosa: Das Haus













Das Haus


Wieder laufe ich durch seine Räume, durch nachtschwarze Stille, und taste und ahne. An der Stelle, wo meine Mutter gelegen hat, tot, zwei Tage lang, denke ich mir ein Kreuzzeichen; ich denke es nur, denn das Haus soll ja verkauft werden, da erzählt man solche Details lieber nicht.

Mensch, es ist schon verkauft, sage ich mir. Hast doch die Kindheit längst hinausgetragen, in Container geworfen oder zu alten Kleinwagen geschleppt, deren Heckklappen offen standen für Kisten voller Bücher, groß gewachsene Topfpflanzen oder abgenutztes Essgeschirr. Alles wurde zusammengestopft und geschichtet, ein Handschlag, danke schön, tschüs.
Bei der Übergabe musste es leer sein, das Haus.

Damals, als es gebaut werden sollte, ging ich so gern mit zum Architekten. Während die Eltern sich Wichtiges ausrechnen ließen, Änderungen wollten, Erklärungen murmelten, blickte ich voller Freude auf die Pläne an den Wänden. Ich liebte die vielen Linien, Lebenslinien, die sich in Geräusche und Räume verwandelten. Überall draußen wuchsen neue Gebäude, während die stumpfen Holzbaracken langsam verschwanden. Es ging aufwärts, man sah es, man hörte es – vertraute Musik aus Klopfen, Sägen und Mischmaschinen.

Als wir einzogen, war der Himmel pastellfarben wie das Haus.
Jeder Tag roch anders – nach Regengrün, Stahlwerk, Kuchenbacken und Staub.
Ich liebte das Leben.

Das Haus füllte sich über die Jahre. Dinge wurden hineingetragen, schöne, feine und schwere. Es kamen Menschen, alte Bekannte und Unbekannte. Gedanken wurden gesagt, manche davon in Schränken verstaut und nicht mehr hervorgeholt. Einige Menschen erhellten das Haus, der Atem anderer legte sich auf die Wände und färbte sie traurig. Manchmal musste aufgeräumt werden, umgebaut, renoviert.
Die Blutbuche vor meinem Fenster wuchs und wuchs und wurde ein Riese, und wenn der Herbst kam, hustete sie gegen die Wände meines Zimmers. Ich konnte den Himmel nicht mehr sehen, wünschte mir Weite – und ging. Meine Eltern blieben.

War ich zu Besuch da, kam mir das Haus manchmal vor wie ein unscheinbares Heiligtum. Wir öffneten Kisten und Kästen, in denen Namen und Worte aufbewahrt wurden, wir aßen Brot, tranken Wein dazu. Manchmal lachten wir in den Himmel, hinein in den Abenddunst, der rosenholzfarben war. Alles brannte sich ein in mein getauschtes Leben, ich wäre so gern geblieben. Der nächste Tag schon zog mich weg.

Erst starb der Vater und mit ihm sein Garten. Die bunte Fülle unter dem Sommerblau möchte ich jeden Tag malen. Manchmal gelingt es mir.

Als die Mutter alt wurde, alterte auch das Haus. Es atmete schwer und dunkel, bis es kein Leben mehr in sich hatte. Die Dinge waren nur noch Dinge, man sah ihre Kerben und Sprünge deutlich. Menschen kamen und gingen, boten an, in meiner Erinnerung Ordnung zu schaffen. Andere verwirrten mich, ließen so manches zerschellen und fanden das spaßig.
Als das Haus ein Skelett war, gab ich den Schlüssel weg.


Ich habe in der Nähe zu tun, mache einen kleinen Umweg und laufe durch meine Straße. Der Himmel ist weiß gestrichen wie das Haus. Sein neuer Eingang sagt mir freundlich, dass ich nicht willkommener bin als jeder andere.





© Marlies Blauth





Kommentare:

Gabriele Pflug hat gesagt…

sehr eindringlich gut geschrieben!
atemlos gelesen!

liebe grüße
gabriele

Marlies Blauth hat gesagt…

Vielen Dank, das freut mich! Marlies