Mittwoch, 21. November 2018

Kiki kann nicht kochen [Kurzprosa]









Kiki kann nicht kochen



Nun lebe ich wieder da, wo alles angefangen hat: in meinem Dortmunder Elternhaus, einem kleinen Bungalow von 1960. Hier war ich Kind, hier wuchs ich heran, damals in Sichtweite zum Phoenix-Werk in Hörde. Dort wurde Stahl gekocht, und immer wenn sich der Himmel rot färbte beim Hochofenabstich, sagte man, dass die Engel Kuchen backen.

Ich lebte gern hier, dennoch wurde es mir irgendwann zu eng; die Welt schien tausend Möglichkeiten für mich bereitzuhalten, die ich entdecken und nutzen wollte. Trotzdem fiel mir der Abschied schwer, ich liebte das kleine Haus weiterhin, über viele Jahrzehnte.

Meine Kinder wussten das. Als ich alt wurde, war es ihnen wichtig, mich in einer schönen und passenden Umgebung zu wissen, zum Beispiel ohne Treppen – und als das Haus plötzlich frei wurde, sahen sie es als Chance für mich, denn ich hatte mich geweigert, eine Altenwohnung zu beziehen. Nun richteten sie mich ein, und sie richteten mich gut ein. Die drei Treppenstufen vor dem Haus verwandelten sie in eine Rampe mit stabilem Geländer. Sie statteten meine Fenster mit automatischen Rollläden aus, mich selbst mit einer Funkverbindung zum nächsten Altenpflegedienst, sie engagierten einen Gärtner und abonnierten den mobilen Menüservice, den sie zuverlässig bezahlen.

„Jahrelang“, sagten sie, „hast du gekocht für uns. Jetzt soll es dir gut gehen.“
Jeden Morgen um 9 Uhr kommt Dana. Ich bin eine der Ersten auf ihrer Liste, daher ist sie immer so früh. Sie klingelt, stellt ihren rosa Styroporkasten auf meinen kleinen Tisch im Flur und nimmt den Zwillingskasten von gestern an sich, nicht ohne mir ein „Gutennnn Appetittt“ entgegen zu lächeln. Sie fragt noch, ob alles in Ordnung ist, geht zurück zu ihrem Auto und braust los.

Ich finde es ärgerlich, dass ich extra für Dana, die natürlich nichts dafür kann, meinen Wecker stellen muss. Mein älterer Sohn meint dazu, dass alten Menschen ein strukturierter Tag gut täte, dass es überhaupt richtig sei, dass ich um 9 Uhr gewaschen und angezogen sein muss. „Sonst verlotterst du noch“, sagt er. Diese Angst habe ich nicht, aber ich sehe, dass alles langsam geht, und hätte morgens doch gern mehr Zeit. Meine Kinder wissen nicht, dass mein Mittagessen regelmäßig schon herumsteht, während ich frühstücke. Mich nervt das. Eigentlich brauche ich auch gar kein großes Mittagessen, und wenn ich ehrlich bin, esse ich weder besonders gern Putenschnitzel noch Hackfleischbällchen.
Aber was soll ich sagen. Vielleicht bin ich wirklich einmal so schwach, dass ich froh bin für alles. Daher traue ich mich nicht, meine allmorgendliche Störung abzubestellen.

Im Nachbarhaus wohnt Kiki. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Eltern und ich in diesem Haus bis zu den Knien im Wasser standen und schöpften, als sich Starkregen durch die Abflüsse gedrückt hatte, während die Hausbesitzer gerade im Urlaub waren. Das ist nun mehr als siebzig Jahre her.
Kiki und ich verstanden uns sofort. Sie arbeitet zu Hause, hat dort eine winzige Werbeagentur, und seit sie weiß, dass ich lange als Künstlerin gearbeitet habe, fragt sie mich manchmal um Rat bei einer Entscheidung: die grüne oder die blaue Version? Würdest du hier eher eine sachliche Schrift nehmen? Können das auch Ältere noch gut lesen?

Hin und wieder kommt ihre kleine Tochter zu mir, wir lesen ein bisschen oder malen, und Kiki kann in Ruhe arbeiten oder weggehen.
Einmal sieht Kiki die rosa Kiste aus Styropor bei mir im Flur stehen, weil ich diese noch nicht in die Küche geräumt habe, fragt, wozu man so etwas denn braucht. „Zum Warmhalten“, antworte ich, „bringt aber nicht viel, wenn das Essen schon um 9 Uhr kommt“. Kiki hebt neugierig den Deckel auf – und sieht ein Wiener Schnitzel mit Erbsen und Möhren, der Essensgeruch verbreitet sich im ganzen Flur. Mir ist das fast peinlich. „Hmmmm, lecker, du hast es guuuut“, sagt Kiki voller Neid. „Ich schaffe es mittags nur, mir Kaffee zu machen und einen Apfel zu essen. Und ich kann auch gar nicht kochen …“

„Da hab ich eine Idee,“ lache ich. „Du bekommst mein Mittagessen, musst es aber auch in Empfang nehmen morgens – dafür werden die Einkäufe, die du mir mitbringst, etwas umfangreicher.“ Kiki ist sofort einverstanden. „Und wenn ich es tatsächlich einmal selbst brauche, dann sage ich Bescheid.“

Dana runzelt am nächsten Tag die Stirn. Sie versteht nicht, dass ich auf ihren Service verzichten möchte, während Kiki ihn doch gar nicht braucht, jung wie sie ist; Dana hält mich vermutlich für völlig eigensinnig. Das bin ich ja vielleicht auch: Ich freue mich auf Himmel und Erde oder Graupensuppe, Linsensuppe, all diese einfachen Gerichte, die ich in diesem Haus, in dieser Küche zuzubereiten lernte.

Kikis Tochter ist im selben Alter wie ich damals, sie ist gerade in die Schule gekommen. Jetzt hilft sie mir manchmal, Kartoffeln zu schälen oder Zwiebeln zu würfeln. „Weißt du was?“ fragt sie, „ich frag‘ die Mama, ob sie ein Kochbuch macht mit allen deinen Sachen. Dann weiß ich später immer, wie das geht. Mama kann nicht kochen, aber Bücher gestalten, das kann sie!“

Ab jetzt schreiben wir auf, was wir machen: kleingeschnittene Zwiebeln in Öl anbraten, Kartoffelstücke dazu, mit Brühe ablöschen, alles weichkochen, später mit Creme fraîche pürieren und mit Pfeffer und Salz nachwürzen. Kräuter darüber streuen. Und wenn man möchte, kann man eine Bockwurst hineingeben.

Manchmal höre ich Dana am Morgen davonfahren, ich drehe mich jedesmal glücklich um und schlafe weiter. Kiki ist dann schon lange wach, und wenn sie ihre Mikrowelle fürs Menü einschaltet, genieße ich mein ausgedehntes Frühstück.





© Marlies Blauth (Text und Bild)












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