Montag, 20. März 2017

"zarte takte ..." noch eine Rezension:










Marlies Blauth „zarte takte tröpfelt die zeit“



Marlies Blauth schreibt ... nein, sie malt mit Worten Bilder. Kindheitserinnerungsbilder. Sie leuchten wie Perlen. „Liebesperlen am Kiosk beim Klirren der Flaschen“. Eigene Erinnerungen steigen, dies lesend, dabei auf: Quietschsüße rote Schaumherzen am Kiosk im Schwimmbad, solche vielleicht. Bilder in einer Vitalität, die Erinnerungen aus der Erwachsenenwelt selten haben.

Aber es sind nicht nur die hellen Bilder, die sie in Ihren Gedichten beschreibt: Auch das dunkle, wortlose Dienen der Mutter, das Sich-Geben, die Kinder fütternd mit streng rationierten Oblaten an Glück, Marmelade und zitronengelben Gebäck, auch Worte stets limitierend.

Achtung schwingt da mit, Liebe und vielleicht etwas Beklemmung. Wie auch bei der Landschaftsbeschreibung der jungen Erwachsenen mit dem Titel „Bergisches Land“ :.. „irgendwo zwischen almengrün und müdgrau“. Leuchtende Farben auf dunkler Enge und Nähe.

Später dann im Gedichtband: Lösung aus den alten Welten. Unvermeidliche Brüche: „aus mutters gesangbuchblättchen haben sie zigaretten gedreht.“ Wege suchend in den Chiffren moderner Gesichtslosigkeit der Großstädte. Leben, das kein Ersatz für Vergangenes ist, sondern einfach nur Weg –  hastige Reise.

Ab und zu ein neuer Ansatz. Gedichte einen Mantel betreffend, den ein lieber Mensch auf dem Stuhl absichtlich zurückgelassen hat, damit er Wärme gibt im Nachtblau. Dann, ein Kind im Bauch, das das Unmögliche ankündigt: Neues Leben, eigentlich eine Verrücktheit. Eine Verrücktheit? Wie die Autorin auf Nachfrage mitteilt, gilt dies dem Moment der Entscheidung für ein wunderbares Kind, gegen kühlen ärztlichen Rat.

Diese Gedichte gehen nahe. Oft ein melancholischer Blick zurück, der dann aber in seiner Bildlichkeit genau bleibt, nicht verhaftet in Vergangenem, sondern mitfühlend und beobachtend.

Marlies Blauths „zarte takte tröpfelt die zeit“ beschreibt eine lange Reise. Aus der Jugend, über die Trennung von der alten Welt, dem Fremdeln in seelenlos gewordenen großen Städten, die doch ihre Geheimnisse denen bewahren, die sie kennen. Eine Zeitreise, über die Zeit mit den eigenen Kindern hinaus.

Bis hin zum „heute“: „schön war es, alt zu sein und zu lächeln“.

Bis dahin auch eine Gratwanderung. Zwischen den kästnerschen Momenten eines Paares im Kaffee, „sie nahmen einander die Zeit“ – bis hin zu einer schwer greifbaren Lebensweisheit und -freude. Vielleicht auch aus dem Glauben heraus, vielleicht auch das ein spätes Geschenk aus der Kindheit?

Was dieses Bändchen an Gefühl hinterlässt: Farben leuchten auf dunklem, grauen Untergrund ganz besonders. So vielleicht wie ein Regentag, durch den, kaum merklich, die Sonne ins Grün scheint.

Marlies Blauths: „zarte takte tröpfelt die zeit“: So viel darin zu sehen, nachzuspüren, selbst wieder zu entdecken. Unbedingt lesenswert.



Helmut Brodt








Montag, 6. März 2017

Im "Auswärtsspiel" – 3 Zeichnungen von mir








Meine Zeichnungen „Vegetation“ 
in der Ausstellung "Auswärtsspiel" von KünstlerInnen des Hagenring 
im BKG-Studio Wuppertal.






Im Moment experimentiere ich mit Fotopapier als Zeichen- und Malgrund. Benutze Kohlenstaub, Grafit (in Pulver- oder Bleistiftform), Acrylfarbe und Ölfarbe, Gips, feinste Pinsel, die Radiernadel, aber auch Quastenpinsel.

Im April (Vernissage: Freitag, 31. März) 2017 sind aktuelle Arbeiten vom mir im Kunsthaus Mönter, Meerbusch-Osterath, zu sehen.









Freitag, 3. März 2017

Gedicht [Regenhaus]








Regenhaus

du gehst deiner Spur nach
hast Fragen, die im Geprassel verenden
wer zu dir sprechen könnte
ist umgekehrt, auf halbem Weg
wirft seine Antworten in den Schlamm
deine Küchenlampe hast du
mit Blümchen umwickelt
im Bad schwimmt ein Fisch
und du wartest auf ein Ereignis








Foto und Text © Marlies Blauth
















Montag, 6. Februar 2017

Gedicht [Nature morte]










Nature morte



Hast lang in den Spiegel geschaut, meine Süße
hast dich geputzt, geschminkt und geschnürt
für den Tanz, für das letzte Mahl!

So jung wie heute sind wir nie mehr.

Lass uns die besten Weine
ins Stundenglas füllen,
auch wenns überläuft, Pfützen speit
uns ins erhitzte Gesicht rubinregnet –

Wir lachen und prusten und sabbern
über die Tafel mit tausend Tulpen,
teuersten Fischen und frischem Wild,
fleischigen Trauben, Äpfeln aus China;
alles inzwischen zerwühlt und zerfetzt,
auf den Silbertabletts türmen sich
Rippen und abgebissene Köpfe –

Seidenstoff raschelt mondsüchtig, ratscht;
Bleiches, Behaartes bleckt namenlos
jeden Schritt rosenweich:
Wir wollen tanzen und tanzen und tanzen.

Die Mandolinen im Hintergrund schwimmen im Wein,
zirpen und wiehern noch um die Wette

bald sind die Kerzen aus.

Auch deine süßen üppigen Früchte,
mein Täubchen, werden vergehn.



© Marlies Blauth (2014)













Dienstag, 31. Januar 2017

Gedicht [im Zug]








im Zug


eine nostalgische Fahrt
Dampflok, Kaffee und Kuchen
für uns
was für ein Ausblick  
herunter vom Höhenweg –
wir hören
der Platz reicht nicht
für alle
wir müssen uns ausweisen
der Zugführer stochert
in unseren Namen
weist uns Sitze zu
es ist eng für uns
mir wird übel
vom Rückwärtsfahren
im alten Waggon
gibt es kein Halten mehr
kann nicht aussteigen
die Notbremse demontiert
wir haben nicht
in die Pläne gesehen
und müssen mit
bis zum Ende



© Marlies Blauth