Montag, 19. Februar 2018

Einführungsrede für Dina Nur







Ausstellung Dina Nur – AMBIVALENZ
im Kunstraum Notkirche, Mülheimer Straße 70, 45145 Essen
18. Februar – 1. April 2018




Meine Damen und Herren,

ich sage es gleich: diese Ausstellung lässt sich – in ihrer Ambivalenz – nicht vollauf verstehen. Wir können uns allerdings anrühren, mitnehmen lassen. Darauf einlassen – so ähnlich wie bei einem lebendigen Gegenüber.

Figürliche Darstellungen im Kirchenraum haben eine lange Tradition.
Ist es Zufall, dass ausgerechnet dann ein Bruch eintrat (in Gestalt des Protestantismus mit seiner Abstraktion), als das Individuum Einzug hielt in die Kunst?

Dina Nur macht das Gegenteil: Sie ent-individualisiert.
Der Mensch – sagt sie – sei ihr Thema. Sie sagt es nicht nur im Gespräch über ihre Arbeiten, sie sagt es natürlich auch mit ihren Arbeiten.

Obwohl es ein ganz anderes Genre ist, musste ich dabei ziemlich bald an die Ikonenmalerei denken. Ich finde es ganz logisch, dass sie sich bis heute gehalten hat, dass sie im Gegensatz zur kirchlichen Kunst des Westens keinen wesentlichen Brüchen unterworfen war (und sie nie „außen vor“ gelassen wurde):
Sie wollte nie Individuen abbilden und versteht es bis heute, einen Abstraktionsgrad zu bewahren, der gut tut.
Weil sie sich nie in portraithaften Details verlor und das Wesentliche, den Kern ihrer Aussage nicht durch modische Nebensächlichkeiten verwässerte.

Ikonen vergegenwärtigen das Heilige.

Dina Nurs Arbeiten vergegenwärtigen auch – zunächst das „Menschliche“, und man sieht, wenn man will, das Heilige durchscheinen.
Die Künstlerin unterscheidet nicht – oder besser: sie lässt uns nicht unterscheiden – zwischen Du und Ich, männlich und weiblich, jung und alt.
So weit geht ihre Abkehr vom Individuellen, ihre Hinwendung zum Abstrahierten, zum Essenzhaften – so dass eben der Mensch übrigbleibt in seiner Nacktheit und Versehrtheit einerseits, was aber gleichzeitig auf seine Anmut und Vollkommenheit andererseits hinweist:
eben auf die umfassende Ambivalenz des menschlichen Daseins.

Laut Bibel (und auch Koran übrigens) hat der Schöpfer uns aus Erde, Lehm oder Schlamm geschaffen und geformt.
Dina Nurs Arbeitsweise erinnert an diesen bildhaften Prozess:
Für ihre Skulpturen/ Plastiken, ihr Hauptwerk, benutzt sie Ton, Beton oder Kunststein (der auch erst einmal flüssig ist) und gestaltet damit ihre Figuren.
Aber sie würde nie in „Konkurrenz“ treten wollen zur göttlichen Schöpfung, nichts liegt ihr ferner als eine, ja, hochmütige Perfektion:
Ihre Gestalten bleiben oft unvollständig, als Betrachter muss man den Prozess der Schöpfung weiter denken, zu Ende denken, das Fehlende ergänzen.

Wir sind also gefragt. Ja, sogar im wörtlichen Sinne. Der ständige Hinweis auf das Ambivalente stellt immerzu Fragen.

Ein Teil der Plastiken ist in Tücher gehüllt. Warum ist das so?

Dina Nur berichtete, dass dieses „Einpacken“ zum Arbeitsablauf gehören kann: Wenn nämlich die anfängliche Modellierung mit Ton vor dem Austrocknen bewahrt werden soll.
Später werden meist Gips-Negativformen davon abgenommen, diese wiederum mit Beton ausgegossen.

Die Ästhetik mit den Tüchern, also eigentlich ein provisorischer Zustand, zeigte sich unerwartet stark und bat gleichsam um Bewahrung. Vermutlich deshalb, weil uns die eingewickelten Plastiken einerseits näher rücken (wohl weil wir es tagtäglich mit „verhüllten“/ angekleideten Menschen zu tun haben), sie andererseits – schon wieder ambivalent – aber noch eine Stufe un-individueller werden.
Durch das Heranholen des Scheinbar-Alltäglichen entsteht also gleichzeitig ein Befremden, vor allem deswegen, weil die Gesichter nun vollständig eingewickelt sind.
An den unverhüllten Figuren mit ihren unverhüllten Köpfen sehen wir natürlich, dass es sich nie um unverkennbare, portraithafte Gesichtszüge handelt; die Tücher jedoch machen uns argwöhnisch, scheinen uns den Weg zu versperren zu dem, was wir neugierig erwarten und also sehen wollen, sogar mit dem Wissen, dass es Dina Nur überhaupt nicht um das Individuum geht. Wir meinen, dass uns etwas vorenthalten wird, gewinnen mitunter den Eindruck, die Figuren könnten aggressiv sein.
Es ist vermutlich unsere eigene Aggression, die wir da spüren.

Dina Nur spricht davon, wie der Mensch wirklich, ehrlicherweise, essenzhaft ist.
Und da müssen wir uns fragen (lassen), was wir selbst von uns „verhüllen“, was wir verstecken wollen oder müssen – oder auch, wo wir uns einer Uniformierung unterwerfen (Modetrends?), wo wir sogar freiwillig Individualität abgeben.

Auf seiner Flucht aus dem Paradies erkannte der Mensch, dass er nackt war – daran denke ich, wenn ich diese eingewickelten Figuren sehe. Denn sie lassen in der Tat an Flüchtende denken, die sich behelfsmäßig kleiden müssen, gegen die Kälte oder weil sie ihre ursprüngliche Kleidung verloren haben.
Und damit meine ich nicht nur jene, die seit gut zwei Jahren immer wieder politisches Thema sind, sondern alle Menschen, die ein Paradies oder eben ein Nicht-Paradies verlassen (müssen).
Es könnte uns ja auch treffen: Bei einer plötzlichen Evakuierung wären wir selbst Teil einer Menschengruppe, bei der es – schnell, schnell – allein um Sicherheit und Überleben geht. Wir wären fragil wie Dina Nurs Gestalten. Man würde uns, wenn wir Glück haben, in Decken und Tücher wickeln, provisorisch, vielleicht ist der Stoff zerlöchert oder mit Rissen.
Und wir wären dankbar dafür, weil sie unsere Blößen bedecken und wir nicht mehr frieren. Wir würden warten, verharren wie Dina Nurs Menschen.

Und wir hätten auch Hoffnung, wie sie bei einem Teil der Figuren ja auch verkörpert wird: Das sind diejenigen, denen man einen Aufbruch und Ausbruch aus dem Moment ansieht (vor allem die Figuren in den Kuben).
Die Bewegung und Veränderung, Leichtigkeit bis zur Körperlosigkeit in sich tragen:

Das ist besonders in den Zeichnungen spürbar. Hier geht es weniger um den Einzelnen, sondern um Begegnung, gemeinsam gegangene Wege (eventuell auch ins Elend), gegenseitige Beeinflussung, Leben in der Gruppe – Formationen, die das Leben aufzeichnet.

Egal, ob Zeichnung oder Skulptur: Die Künstlerin hat ihre Figuren in die Schwebe gebracht zwischen Anfang und Ende, Leben und Tod, Ruhe und Bewegung; zwischen ästhetischem Tanz und skurriler Verrenkung, naturgetreuer Darstellung und Zeichenhaftigkeit.
Diese Menschen besitzen gleichermaßen Lebenswillen und Trotz, es ist, als wollten sie uns entgegentanzen: Carpe diem! Nutze den Tag, genieße den Tag.
Ja, Totentänze und „Lebenstänze“ in einem, ganz gleichzeitig. Wir wissen, dass das kein Widerspruch ist, wir kennen die Ambivalenz, die uns zeitlebens begleitet.

Die zentrale Arbeit von Dina Nur wirkt durch ihre besondere Fragilität fast un-irdisch, vergeistigt, „abgehoben“. Nicht von dieser Welt, sagt man auch (so heißt es übrigens auch in der Bibel bei Johannes). Als sei ein Mensch hier auf dem Weg ins Himmlische. Und zwar, ganz überraschend, kletternderweise. Das Gestell, Gerüst, auf dem er unterwegs ist, erinnert an ein Kreuz. Man rätselt: Sollen wir anhand der spitz wirkenden Drahtstäbe Folter nach-fühlen können? Löst sich das (christliche) Kreuz hier ins Immaterielle auf? Ist es – antennenartig – wie eine symbolische Verbindung ins Ewige?

Nicht zufällig wird diese Ausstellung in der Passionszeit gezeigt, die gerade begonnen hat.

Passionszeit und Ostern, vor allem die Karwoche: Alles höchst ambivalent.

Bejubelter Empfang am Palmsonntag, das Sich-Verneigen des Gottessohns bei der Fußwaschung, Abschiedsmahl, Folter, Tod und Auferstehung zum Allerhöchsten – wir könnten heute sagen: Die Seele fährt Achterbahn, wenn wir da „mitgehen“.

Dina Nurs Menschenfiguren erzählen nicht diese Geschichte, aber sie lassen sie uns er-ahnen – und zwar oft intensiver, als uns lieb ist.

Denn alles ist ja schon in uns, unsere Ahnen, auch die im Glauben, haben alles erlebt, miterlebt, nacherlebt und es uns weitergegeben.

Wir wissen nicht, was auf uns zukommt – aber was es auch ist, wir teilen es mit der Menschheit und eben auch mit dem Mensch gewordenen Gott.

Darauf mag die Ausstellung ein Hinweis sein, der unser Herz berührt.








Abschließend noch ein paar Worte zur Künstlerin selbst:

Auch da viel Ambivalenz –
Dina Nur ist aufgewachsen in zwei Welten: Sie wurde 1963 in Khartoum im Sudan geboren, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbrachte.
Später lebte sie hauptsächlich in Dortmund, dort studierte sie Objektdesign mit dem Schwerpunkt Bildhauerei und hat sie heute ihren Wohnsitz, ihr Atelier. Neben der Bildhauerei arbeitet sie auch an verschiedenen Bühnenprojekten mit.

Ihre Menschenfiguren haben viel aufgenommen, was Dina Nur selbst erlebt hat:

Welt-Erfahrung und Heimatlosigkeit, Verharren und Bewegung, große Belastung und tiefes Glück eines künstlerischen Lebens.


Marlies Blauth


Homepage Dina Nur 

Homepage Kunstraum Notkirche

















Fotos: Marlies Blauth








Donnerstag, 8. Februar 2018

Gedicht [im Herbst]

















im Herbst


wir beide laufen durch den Nebel
die Handyuhr geht vor

dreimal am Tag fährt der Bus
leer an uns vorbei

wir werfen unseren Blick ins Tal
er kommt nicht weit

du findest Stockschwämmchen
zum Kotzen










Bild und Text: © Marlies Blauth













Zeichnungen














Herbarium, Zeichnungen auf Fotopapier

20 cm x 20 cm / 40 cm x 30 cm
Kohlestaub, Ölfarbe, Bleistift