Freitag, 18. August 2017

Gedicht [Meduse]






















Meduse


Wasser
in wogender Hülle
schwebt durch die
Meere der Welt.

Weht Schleier voll Gift,
Fäden und Bänder,
gezottelte Tüpfel
an flirrendem Saum.

Linien, Voluten aus
feinstem Gedärm
taumeln in
ewige Tiefen
als leuchtendes Leben
im gläsernen Balg
neongrün.

Im Netz
des nächsten Tages
gefangen,
gestrandet
als wallende
Scherbe
im Staub.





© Marlies Blauth








Drinnen saßen stehend Leute ... [Glosse]











Drinnen saßen stehend Leute/

schweigend ins Gespräch vertieft …



Es ist – Glossenzeit!

Wer mich kennt, weiß, dass ich aus verschiedenen Gründen fast immer mit dem ÖPNV, dem Öffentlichen Personen-Nahverkehr, unterwegs bin.

Selbstverständlich erlebt man dabei so einiges, wobei ich jetzt nicht über saufende Mitfahrer berichten will, schmuddelige Hinterlassenschaften oder jenen Fahrgast, der sich nicht einfach woandershin setzte, sondern seinen Nachbarn erst noch mit den Worten brüskierte: „Sie riechen ekelhaft!“. Nein, so was überhaupt nicht. Denn ungeachtet allgemeiner Meckerei kommt dies alles gar nicht so oft vor.

Es geht um die Kommunikation mit den Verkehrsbetrieben selber, wenn es wirklich mal was zu beanstanden gibt.

Das erste Mal lag ein Bus – eine Linie über Land – durch einen Unfall auf der Strecke vor ihm fest und kam nicht bei mir an. Da ich einen Termin hatte, nicht eine geschlagene Stunde warten konnte und nun ein Taxi nehmen musste, versuchte ich, wenigstens einen Teil der Taxikosten wiederzubekommen. Hat geklappt: ich bekam das Geld vollständig erstattet. Danke an DB Regio (zumal es sich ja um „höhere Gewalt“ handelte)!

Und nochmal (danke an) DB Regio: Kürzlich erlebte ich den etwas skurrilen Fall, dass ein Bus nicht den vorgesehenen Bussteig anfuhr, auf dem ich mit einigen anderen brav wartete, sondern einen völlig anderen, der nicht mal in Sichtweite lag. Sprich: er ließ uns einfach stehen. Ich bekam schnell und unkompliziert meine gesamte Fahrkarte erstattet, obwohl dieser Fauxpas nur die letzten 15 km betraf. So einen guten Service war ich von früher nicht gewohnt, da hieß es eigentlich immer: Tut uns leid, wir werden uns bessern, blabla, blubblubb.

Dass diese Zeiten noch nicht ganz vorbei sind, war allerdings klar. Vielleicht beflügelt durch die oben genannten zwei guten Erfahrungen, schrieb ich jetzt an einen Verkehrsbetrieb, ansässig in einem benachbarten Bundesland.
Wir hatten nämlich eine absonderliche Preisgestaltung erlebt: Auf identischer Fahrstrecke kostete die kürzere Entfernung knapp 10 € mehr als die längere. Also beschloss ich, mal ganz zaghaft bei dem entsprechenden Verkehrsverbund anzuklopfen. Ich sach‘ ja dann nicht, dass ich mir verarscht vorkomme, sondern bin höflich.
Also schickte ich die Fahrkarten hin und beschrieb mein Problem(chen).

Nun bekam ich eine Antwort, nämlich eine Mischung aus Vordruck (… tut es uns leid, … wir werden … eine gezielte Überprüfung …) und dem Beweis, dass mein Brief niemals „richtig“ gelesen worden sein kann.

Mit der Krönung „Beide Fahrscheine wurden richtig ausgestellt“ endete die wunderbare Antwort. Vermutlich hat der Schreibtischmensch das teurere Dings mit der längeren Fahrt assoziiert – wie man das eben so macht. Aber darum gings ja gerade: ums Paradoxe.

Ein zweiter Versuch trug ebenfalls etwas matschige Früchte. Amtsschimmelwieherdeutsch, wieder als Fertigtext, der nicht recht passt. Ich kann ihn aus Datenschutzgründen nicht ganz hier zeigen; nur so viel:

Eine Änderung der Preisbildung für die von Ihnen befahrene Strecke können wir Ihnen derzeit nicht in Aussicht stellen.

Himmel, hilf. Vielleicht beim nächsten Mal in Gestalt eines Busfahrers, der uns ganz selbstlos rät: Lösen Sie weiter und steigen Sie früher aus, dann sparen Sie zehn Euro. Wir wissen ja jetzt Bescheid und halten ihn nicht für bekloppt.



Marlies Blauth

















Dienstag, 15. August 2017

Montag, 14. August 2017

KunstTour Issum – Vorschau



















Einführungsrede für TRAUTE KESSLER











Traute Kessler – LINIEN

Die Grafik der Blütenblätter im Sommerlicht*


Liebe Freunde und Freundinnen des Hagenring, von Traute Kessler und von mir!

Ich stelle mir ein Stillleben vor:

Traute Kesslers Atelier, Ende der 1990er Jahre. Auf dem Tisch ein fast fertiges Aquarell; daneben, zufällig-lamellenartig geschichtet, ein kleiner Stapel Malpapier in verschieden großen Stücken, mit gerissenen Rändern, wie beim Aquarellpapier oft üblich. Traute Kessler betrachtet dieses Ensemble aus Papier mit gesteigerter Aufmerksamkeit. Sie entdeckt, wie sich zahlreiche Weiß- und Grautöne ergeben, teils durch die reliefartige Schichtung, teils durch die unterschiedliche Tönung und Textur des Papiers. Und, mehr noch: Die Papiere, Flächen, bilden an ihren Begrenzungen Linien – aus Schatten.

Gewohnt sind wir es ja umgekehrt (auch wenn wir uns das nicht immer klarmachen): Flächen werden üblicherweise durch Linien erzeugt, durch Kontur oder Schraffur. So wird es auch im bekannten Buch von Wassily Kandinsky dargestellt: Punkt und Linie zu Fläche**.

Diesen Weg ist Traute Kessler zunächst auch gegangen: In frühen Jahren hatte sie hauptsächlich gezeichnet.
Dann lernte sie die Handweberei, und es ist im textilen Handwerk ja tatsächlich so, dass fast immer eine Fläche aus Linien (also: Fäden) erschaffen wird.
 Später studierte Traute Kessler in Krefeld Textildesign, hauptsächlich bei Frau Prof. Barbara Schu, einer Bauhaus-Schülerin: „Kunst besteht im Weglassen“ war ein wichtiges Motto bei ihr. Diese bauhaushafte Sparsamkeit erkennt man, so viele Jahrzehnte später, in dieser aktuellen Ausstellung noch immer. Oder vielleicht sogar noch deutlicher als in Traute Kesslers früheren Arbeiten.

Das Bauhaus sah im übrigen den Werkstoff Papier nicht nur mehr in „dienender“ Funktion als Bildträger, sondern als autonomes Material mit besonderen Eigenschaften.
Und es ist fast, als habe Traute Kessler bei Josef Albers studiert, dem es am liebsten war, wenn mit dem Papier ganz ohne Hilfsmittel (Schere, Klebstoff) umgegangen wurde, also vor allem durch Falten und Reißen. An diese „Richtlinien“ hat sie sich intuitiv gehalten. Geklebt wird selten; ihre Papierbögen sind fast immer allein auf der Bildrückseite fixiert.
Dazu gleich mehr. Wie gesagt: Wir können uns gut vorstellen, wie eine Fläche durch Linien entsteht, durch Konturen, durch Linienstrukturen – bis hin zu textilen Werkvorgängen, bei denen mit Fäden gewebt, gestrickt oder gehäkelt wird.

Nach einigen Jahren Tätigkeit als Textildesignerin arbeitete Traute Kessler schließlich – bis heute – als freie Bildende Künstlerin.
Fortbildende Unterstützung holte sie sich vor allem bei Helwig Pütter in dessen Malschule Hagen. Dabei wandte sie sich intensiv dem Aquarell zu, das Zeichnerische geriet in den Hintergrund, die Malerei wurde immer flächiger aufgefasst (diese Entwicklung lässt sich gut an den beiden ausgestellten Akten verfolgen, ein früher, zeichnerisch-linearer, ein späterer, deutlich malerischer).
Irgendwie kam die Linie aber in diese gemalten Flächen zurück: Traute Kessler ließ lineare Strukturen frei – oder ließ sie, maltechnisch generiert, aus den Flächen entstehen. So bildeten sich vor allem an den Rändern Linien, gleich lebhaften Konturen, die aber eben nicht vorher mit dem Bleistift gezogen sind, sondern zu einer nachträglichen Begrenzung gemalter Flächen wurden.





Linien waren also „angesagt“ für Traute Kessler – aber eben völlig anders als zuvor, nicht länger im Rahmen einer konventionellen Zeichnung. So kann man sich vorstellen, wie sie – sensibilisiert dafür – entdeckte, dass geschichtete Papiere lineare Schatten an ihren Rändern werfen.
Wir kennen das Prinzip von Buchseiten. Das ist, ästhetisch gesehen, allerdings eher eine Zugabe, denn wir blättern, um an die Textseiten zu gelangen. Und alle Bücher einer Auflage sollen genau gleich aussehen.

Traute Kessler hingegen gibt den Linien einen Duktus und ein Eigenleben – und auch eine spielerische Komponente.
Dadurch, dass sie die Papierränder reißt, sie Wellenbewegungen oder an- und abschwellende Linienformen schafft, bekommen ihre Arbeiten etwas Organisches. Dieser Eindruck wird unterstützt durch aufstrebende Formen und diagonale Dynamik, nicht selten assoziiert man Bewegung und Wachsen; durch die Reduktion auf lineare Gebilde meint man im übrigen, hin und wieder Blatt- und Blütenformen zu entdecken, die sich aus dem linearen Schattenspiel entfalten:

Die Grafik der Blütenblätter im Sommerlicht.*

Das „Eigenleben“ der Schattenlinien ist natürlich auch abhängig vom Ort, von Art und Richtung der Lichtquelle. Die Arbeiten von Traute Kessler sind folglich jeweils auf ganz innige Weise mit ihrer Umgebung verbunden.

Indem die Künstlerin mit dem Schatten gestaltet, zeigt sie uns den Gegensatz zu einer gestaltlosen „Schattenwelt“; auf poetische Weise führt sie uns das Werden und das Sein vor – und nicht das Vergehen oder das Nichtmehr-Sein. Letzteres würde sie zwar nie leugnen; aber es spielt hier schlichtweg keine Rolle. So dürfen wir mit Traute Kessler hoffnungsvoll ins Zukünftige blicken, dürfen das Pessimistische, Schwere, das Gestaltlos-Dunkle getrost eine Zeitlang vergessen.

Und wir feiern heute eine wunderschöne Ausstellung mit Traute Kessler, im Oktober dann ihren 80. Geburtstag.
Wie jung – und das meine ich jetzt nicht floskelhaft – wir Künstlerin und Kunst empfinden, das können wir uns von dieser aktuellen Ausstellung wieder einmal sagen lassen. In diesem Sinne wünsche ich einen fröhlichen Rundgang, der hiermit eröffnet ist!

Marlies Blauth, August 2017


*Angeregt durch den Dichter Jürgen Becker (*1932):
im Winterlicht die Graphik der Zweige („Graugänse über Toronto“ S. 51)

**Aus dem Punkt, der sich in eine Richtung „schiebt“, wird eine Linie; eine wie auch immer gekrümmte Linie erzeugt eine Fläche




Foto: Regina Lehrkind/ Hagenring

Abbildungen: Traute Kessler