Sonntag, 14. März 2021

#Kohlestaub Tagebuch | 23

 




Hinter der Grenze – auf Erinnerungsstraßen

 

Wuppertal gehört nicht zum Ruhrgebiet; nur aus größerer Entfernung scheint es so. Wuppertal hat eine völlig andere Geschichte als die Ruhrgebietsstädte. Und dennoch ist der frühindustrielle Boom der Stadt (oder besser: der Städte Elberfeld und Barmen) eng mit den nahen Kohlevorkommen verbunden.

Für lange Zeit war das Tal der Wupper ein Zentrum der Textilindustrie (Wikipedia: „Mitte des 19. Jahrhunderts eines der größten Wirtschaftszentren des Europäischen Kontinents“).

Mein Ausflug nach Wuppertal ergibt sich dadurch, dass ich eine Freundin zu einem ambulanten Kliniktermin begleite – es ist kein schlimmer Termin, sondern, dank der Teilnahme an einem Sonderprogramm, ein sehr hilfreicher. So sind wir auch guter Dinge, als wir im Zug sitzen und uns durch unsere medizinischen Masken fröhlich annuscheln. Es gibt, wie immer, viel zu erzählen.

Bis vor gut einem Jahr hätte ich mich mit ins Wartezimmer gesetzt oder hätte einen Stadtbummel gestartet – oder beides, erst das eine, dann das andere. Denn so ein Termin kann sich in die Länge ziehen, zwei Stunden sind da nix. Nun haben wir aber Corona, und da ist – bekanntlich – alles anders.

In die Klinik darf ich nicht und will ich auch nicht, und ein Streifzug durch die Innenstadt erscheint wenig attraktiv, so bei halb geöffneten Läden, für die man einen Termin anmelden muss, zum Teil bereits am Vortag per Mail mit Bestätigung. Und überhaupt: Da ich in der Kultur arbeite (bzw. bis vor einem Jahr gearbeitet habe), ist das Geldausgeben sowieso sehr eingeschränkt.

Immerhin habe ich einen Teil meines Lebens in Wuppertal verbracht, habe dort lange studiert (zwei Abschlüsse), und warum nicht einfach ziellos herumstreifen in einer Stadt, wo hinter einigen Türen doch durchaus Anekdoten und Geschichten von mir oder für mich schlummern.

Erst einmal muss ich ein paar Bücher loswerden, die ich zu einem öffentlichen Bücherschrank bringen will. Ich laufe durch den grauen Morgen; die schicken Schuhe, die ich am Morgen anziehen wollte, hatte ich dann doch wieder ins Regal zurückgestellt, denn diese Stadt fordert heraus: Wenn man irgendwohin will, ist unter Garantie ein Berg dazwischen, man holpert über Straßen mit unglaublicher Steigung, und hier ein Treppchen, da ein Treppchen. Also doch besser die bequemen Latschen. Jetzt bin ich froh über so viel Vernunft. Wenn man lange am platten Niederrhein wohnt, hat man die steilen Wege kaum noch auf dem Schirm. Aber nun bezwinge ich sie – nicht mehr so frisch und elegant wie früher, aber ich bin ja nun auch fast dreißig Jahre älter. Zumindest finde ich den Bücherschrank sofort wieder.

Meinen Reichtum an Zeit koste ich aus, indem ich mir ausnahmsweise jeden Buchrücken ansehe, nachdem ich meinen eigenen Buchballast losgeworden bin. Ein Lyrikbändchen wäre schön, aber das geben diese Bücherschränke leider fast nie her. Alles andere ist entweder uninteressant oder ich kenne es schon – Vielleicht-Interessantes gäbe es sicher auch, aber das will ich nicht über die Berge schleppen. Also gehe ich leer aus, was mir aber auch ganz recht ist. Streife ein wenig durch die Gegend – hach ja, in diesem Bibliotheksgebäude dort durfte ich mal genießen, wie SchauspielerInnen unter anderem meine Texte vorlasen. Damals war es eingerüstet, erst heute sehe ich, wie schön der alte Teil dieses Hauses ist.

Ich steige wieder hoch zur Klinik, vielleicht ist die Freundin ja schon drangekommen. Aber mein Handy schweigt. Also wieder runter, Richtung Stadt. Man kann ja wenigstens mal gucken. Und es ist ja auch ganz schön, durch Erinnerungsstraßen zu laufen. Da hinten, in dem etwas manierierten Haus der 80er, hatte mir damals ein Arzt eine Fehldiagnose beschert, die mich für eine Woche völlig aus der Bahn warf; als sie sich, zum Glück, als gegenstandslos erwies, verfolgte sie mich dennoch weiter – in Form einer überteuerten Privatrechnung. Ob mir juristische Schritte weitergeholfen hätten? Die Geschichte bekam gut zwanzig Jahre später noch einen Wurmfortsatz, indem ich diesen sonderbaren Doktor in ganz anderem Kontext plötzlich wiedertraf. Als er dann literweise Schampus ausgab und mich jovial in den Arm nahm, hätte ich fast kotzen können – entschied mich aber dafür, diese skurrile Wiederbegegnung mit Humor zu sehen und im Übrigen himmeldankbar zu sein, dass ich trotz seines Todesurteils noch lebte.   

Nicht weit von hier die Kneipenmeile, da traf man sich in den 70ern, wenn man studierte. Ich war damals aber gar nicht so wild drauf, vor allem gehörte ich nicht zu denen, die während eines Abends alles abklappern mussten. Das war mir zu rastlos und zu teuer, denn überall trank man ja was. Aber jetzt gerade finde ich tröstlich, dass es zumindest eine dieser kleinen Pinten noch gibt – nach 45 Jahren stimmt jedenfalls der Name noch. Irgendwie lechzt man nach Beständigkeit, merke ich. Wie kann es sein, dass ich so schnell alt geworden bin?

Ich laufe weiter durch die merkwürdige, Corona geschuldete Atmosphäre. Wäre die Stadt nicht in Grau getaucht, sondern in abendliches Dunkel, könnte man es verstehen, dass auf den Straßen und in den Läden so wenig los ist. Aber es ist Mittag; Corona-Mittag. Ups, ich komme unvermutet an einer Galerie vorbei, mit deren Inhaber ich bei facebook befreundet bin! Er sitzt auch drin in seinem Laden. Normalerweise würde ich jetzt hineingehen und hallo sagen. Nun stehe ich als Maskenmonster vor der Scheibe und überlege eine Sekunde, ob ich die angepinnte Nummer anrufen soll. Ach nee, das ist mir zu doof. Ich laufe weiter. Manchmal lupfe ich meine Maske, weil ich einfach nicht mehr kann. Ich ärgere mich über meine Angst, dafür möglicherweise bußgeldbestraft zu werden, denn mein Wohlbefinden sollte doch wichtiger sein.

Ironischerweise habe ich mir nur gut einen Kilometer von hier, in einer künstlerischen Werkstatt, seinerzeit meine Atemwege vermurkst – was mir ein ärztliches Attest sichern würde. Dass so etwas einmal als wertloser Wisch abgetan würde und man sich diesen Arztbesuch also gleich sparen kann, war damals nicht vorstellbar. Ich erinnere mich, dass während meiner ersten Semester dauergestreikt wurde. Berechtigterweise – und ich frage mich, auf welche Weise so harte Einschnitte wie die aktuellen aufgenommen worden wären.

 




Mein Handy ist noch immer still. Ich entschließe mich, eine Kirche ganz oben am Berg zu besuchen. Die kenne ich nur von Weitem, denn als ich hier in der Stadt wohnte, hat mich das monströse Ding nie interessiert. Aber man kann ja mal mit kunsthistorischem Blick hingehen.

Hier habe ich die Innenstadt eindeutig hinter mir gelassen, daher reiße ich mir die Maske ab und atme nach zwei Stunden erstmals richtig durch. Menschen sind weit und breit keine da. Das Kirchenmonstrum ist noch schlimmer als ich dachte – der zweitgrößte Kirchenbau in unserer rheinischen Landeskirche. Man wollte tatsächlich protzen mit dem Neubau vor 120 Jahren, so als Schuss vor den Bug der Katholiken, deren Zahl durch die eingewanderte Arbeiterschaft dermaßen in die Höhe geschnellt war, dass man meinte, sich protestantisch behaupten zu müssen. Wuppertal bietet historisch geradezu alle Facetten, die Glaubensdinge hergeben – von der berühmten, rettenden Barmer Bekenntnisschrift bis hin zu leicht bekloppten Sektengründern, von einer überbordenden Zahl an Kirchen, die man jetzt „am Bein“ hat und zweckentfremden muss, bis hin zu kleinsten Gemeinden in Ladenlokalen, die sich rasend zu vermehren scheinen.




Und hier habe ich mal zwei Semester Theologie studiert. Nein, nicht weil mich die Stadt dazu angestiftet hat. Die frommen Mitstudierenden nahmen mich manchmal mit in ihre merkwürdigen Gemeinden, ich lernte viel, habe mich aber auch nicht selten gegruselt. Einem, eigentlich ganz netten, sagte ich einmal, dass ich ihm die Daumen drücke für seine Klausur. Da tat er einen Hüpfer, als wäre ich der Teufel persönlich, und wies mich zurecht, dass ihm dabei nur Gott helfen könne und nicht so abergläubische Sachen. Jaja.

Ich stehe also vor der ehrwürdig wirken wollenden Kirche und gebe mich meinen frommen und unfrommen Gedanken hin; ich habe ja Zeit. Ich höre Orgelmusik aus ihrem Inneren und werde etwas sanfter, denn sie ist eindeutig aus der Romantik (meiner Lieblingsepoche für die Orgel), passend zum historischen Instrument. Leider sind die Türen protestantischerweise und, oder corona-bedingt verschlossen, ich muss mein Live-Konzert durch die Fenster anhören. In eine Kirche, die über tausend Sitzplätze hat, könnte man ja mal ein bis zwei Menschen reinlassen.

 







Ein Rundgang um das zu groß geratene Kirchengebäude; ein bisschen schön ist es doch, am Schnörkelgitter entlang zu laufen und auf eine verwurschtelte Berg-und-Tal-Formation zu blicken. Ja, so kenne ich es: Bei so viel aufgefalteter Landschaft kommt die Orientierung abhanden, so, als gäbe es hier zwei Himmelsrichtungen mehr als sonst. An der Fassade der Kirche fällt mir ein Detail auf, das mich – mit kunst- und kirchenhistorischer Sicht – amüsiert: Reformiert (also bilderlos) konzipiert, hat die Architektur gleichzeitig ihrem neo-spätromanischem Duktus auf alberne Weise nachgegeben. Ein Sockel und ein Baldachin sind an der Wand installiert, natürlich bar jeder Heiligenfigur. Nie sollte eine dahin! Lebendige Kunstgeschichte: Man versteht, warum Werkbund und Bauhaus entstanden sind, als Gegenbewegung zu denen, die einem solchen – im wahrsten Sinne des Wortes leeren – Dekokram und Bombast frönten.

Im Schatten der Kirche steht noch ein altes Weber(doppel)haus. Wie schön, dass daran eine erläuternde Tafel angebracht ist: Man erfährt, dass hier dreizehn Parteien oder mehr untergebracht waren, inklusive ihrer Webstühle – mit denen sie aus der Innenstadt verjagt wurden. Denn sie mussten, um finanziell zu überleben, Tag und Nacht arbeiten, und der Lärm wurde als störend empfunden. Weiterhin ist zu lesen, dass hier, in der Nordstadt, damals auf einem Hektar (100 m x 100 m!) circa 450 Menschen lebten, während es in den reichen Gegenden ungefähr acht waren. Da werde ich ganz klein, denn die Probleme, die wir heute haben, sind dank der sozialen Errungenschaften aus der Zwischenzeit doch meistens weniger hart, auch wenn die Kluft zwischen arm und reich in den letzten Jahren neue, beängstigende Ausmaße angenommen hat. Lassen wir die mühsam erarbeitete soziale Kultivierung nicht zerbröckeln – vor allem nicht in unserem Denken.

Als ich mein Studium in Wuppertal begann, war eigenartigerweise hier und da noch eine Dünkelhaftigkeit zu spüren: Sogar Mitstudierende ließen sich darüber aus, dass man an einer „armen“ Adresse wohnte. „In Barmen wohnen die Armen, wer etwas auf sich hält, wohnt in Elberfeld!“. Wobei ja die Nordstadt auch zu Elberfeld gehört, immer schon gehörte. So ein Denken war mir völlig fremd, obwohl es in Dortmund natürlich auch sehr unterschiedliche Gegenden gab und gibt. Da der Kohleabbau im Süden, wo ich aufwuchs, lange passé war, war es dort entsprechend schöner als in Stadtteilen, wo er noch massiv im Gange war; doch immer war uns Respekt für die schuftenden Arbeiter eingeflößt worden, nie wären wir auf die Idee gekommen, über die Industrie-Ästhetik und die Wohngebiete drum herum die Nase zu rümpfen. Wohnten wir doch selbst ein einem piefigen Dorf, das irgendwann eingemeindet worden war – ich sehe noch die Kloake neben der Straße blubbern, denn die Abwässer dümpelten teilweise noch überirdisch.

In Wuppertal kam ich einmal ins Innere einer echten alten Villa (dort, wo im 19. Jahrhundert nur acht Menschen auf einem Hektar lebten): Mit Staunen stellte ich fest, dass allein der Garderobenraum dort größere Ausmaße besaß als meine Wohnung.

Ich nehme einen Bus und fahre zum Bahnhof, ich habe Hunger und lerne wieder einmal ein Corona-Detail kennen: Man bekommt zwar etwas zu essen, weiß aber nicht, wo man es dann essen darf, denn überall herrscht ja Maskenpflicht. „Gute Frage! Dahinten vielleicht … da sagt niemand was.“ Hoffentlich nicht. Wie verzagt man doch geworden ist … da sagt niemand was. Bei solchen Gelegenheiten fühle ich mich zurückgeschrumpft zur Fünftklässlerin, die die neuen Regeln des Gymnasiums erst einmal verinnerlichen musste. Dazu gehörte, dass wir (es gab nur Mädchen) vor jedem Lehrer, vor jeder Lehrerin „knicksen“ sollten. So eine Dressur kannte ich von zu Hause nicht.

Noch ein Schokohörnchen kaufen für die Freundin, sie hat bestimmt genauso einen Bärenhunger wie ich. Mein Blick fällt auf den neuen Bahnhofsvorplatz. Als ich in Wuppertal wohnte, gab es den so nicht, und man scheute das Wort „Hauptbahnhof“. Vermutlich, weil man das Schattendasein der ehemals selbstständigen Stadt Barmen nicht in Stein meißeln beziehungsweise aufs Bahnhofsschild malen wollte. Nun ist es aber doch ein Hauptbahnhof geworden, ganz schön, aber nicht ohne Bombast. Bei dem wiederum gepfuscht wurde (wie kann so etwas passieren?): Die neuen, besonderen Sandsteinmauern haben sich als schnell-bröselig erwiesen und werden nun mit Netzen im Zaum gehalten.

Ich fahre zurück zur Klinik und sortiere meine Gedanken. Ja, zu Wuppertal hatte ich immer ein eigenartiges Verhältnis. Obwohl es nur knapp fünfzig Kilometer von meiner Heimat entfernt liegt, besitzt es doch ein völlig anderes Klima: grau und herb. Irgendwie muss das die Menschen geprägt haben, wie auch historische Einflüsse, diese eigenartigen Formen der Frömmigkeit … Hier musste man, zumindest als ich herkam, gleich drei Schalen knacken, wenn man an den Herzenskern herankommen wollte (eine harte Schale zu knacken war ich ja gewöhnt). Mit all ihren Widersprüchlichkeiten und Widerhaken ist Wuppertal aber auch fest in meine persönliche und künstlerische Biografie eingebettet – hier habe ich Wesentliches gelernt und bin gereift. So bin ich immer auch dankbar.

 



Ein Weg – sieben Blicke:

 

mein halbes Leben

dieser Weg

am Fluss entlang

und vor mir streckte sich

die Brücke

 

I

ein Rinnsal sickerte

durch graue Hitze

der ungeliebten Stadt

oft war ich sommerkrank

 

II

die Zeiten blühten milder

ich blickte von der Brückenmitte

entdeckte Wasser

Spiegel Spiele

 

III

und auch mich selbst

nach vielen Prüfungen

war ich gewachsen

und trug ein neues Kleid

 

IV

wie Frühlingsvögel

flogen mir Worte zu

ruhten am Fluss

ich las sie auf

 

V

die Brücke war ein Steg

wir badeten in Farben

und wuschen unsere Skizzen

kunstvoll wieder ab

 

VI

an ungesunden Ufern

ging ich an Land

die graue Stadt

hustet mich aus

 

und atmet mich zurück

  

VII

es ist halb dunkel auf dem Weg

ich trage meine Tasche

mit den Tagebüchern

von Laterne zu Laterne

 

 


 


 

 

 

 

Marlies Blauth | 10. März 2021

Text und Bilder/ Fotos © Marlies Blauth

















Freitag, 5. März 2021

Gedicht [stillgelegt]

 








stillgelegt stummgeschaltet

bin ich mit meiner Arbeit seit

einem Jahr, ja, Coronajahr –

ich schick Fluten von Fotos von meinen Bildern

ins Netz, doch das nützt: nichts,

Kunst will man mit seinem Herzen berühren

und spüren, da hilft auf die Dauer

kein Bunt auf dem Bildschirm

man möchte fragen und reden

und vieles wissen, ich aber bin

versteckt hinter den Kulissen

Galerien, Ateliers sind geschlossen

Pläne, Termine, alles zerflossen

ich schick Fluten von Fotos von meinen Bildern

ins Netz, doch das nützt: nichts

ich führe ein Rentnerleben ohne Rente

und ein Seelenleben ohne Seele

im Souterrain allein

 

 

 



 

 

 

Text und Bilder: © Marlies Blauth

 

 




 


Gedicht [Nura]

 



Nura

geht in die Schule

 

Stunden durch Schluchten

an Schlangen vorbei

 

unter brennender Sonne

hat sie kein Wasser

kein Brot

das wartet am Mittag

vorher nicht

 

Nura richtet ihr Kopftuch

gegen den Sand

ihre Sandalen

aus Autoreifen

reißen entzwei

 

doch nie kehrt sie um

geht geradeaus

voll Hunger und Durst

nach Wörtern und Zahlen

die kann sie lesen

kostbare Trauben

in einer Oase

 

 

 

 

 

 

 

Bild und Text: © Marlies Blauth

 

 






Mittwoch, 3. März 2021

#Kohlestaub Tagebuch | 22

 








Essen, Margarethenhöhe – Detailreichtum unter Denkmalschutz


Es gibt Orte, da packt einen die Nostalgie. Oder nein, sie nimmt einen an die Hand und sagt: „Komma mit auf Zeitreise“.

Die Margarethenhöhe, gestiftet von Margarethe Krupp in Kooperation mit der Stadt Essen, gilt als erste Gartenstadt Deutschlands (siehe Wikipedia). Ganz im Sinne des Werkbunds, genannt sei der Architekt Georg Metzendorf, wurde hier in der Zeit von 1909 bis 1938 das Konzept des menschenfreundlichen Wohnens (im Grünen, gute stringente Gestaltung, hochwertiges Handwerk) realisiert. Hier sollten Angestellte und Arbeiter des Kruppschen Gussstahl-Werks leben.

 



Sofort fällt die Harmonie dieser Stadt in der Stadt auf, eine Geschlossenheit (nicht: hermetisch gemeint), die ihresgleichen sucht. Der Denkmalschutz, hier seit dem Jahr 1987 in Kraft (leider konnte er den Abriss eines Bahnhofsgebäudes nicht mehr verhindern), scheint hier streng zu wachen, denn die historische Gesamtform ist in unglaublicher Weise bewahrt: keine Alu-Haustür, keine Außenwand in Rosa.






Fensterläden und Eingangstüren haben alle denselben Grünton, etwas bläulich, dunkel, aber freundlich. Zusammen mit den sorgsam geweißten Vorsprüngen und weiteren Details ergibt sich ein sowohl zurückhaltender als auch charakteristischer Farbklang, sozusagen mit Blick aufs nahe Bergische Land, dessen Architektur eine ganz ähnliche Farbigkeit hat (dies allerdings zusammen mit Schiefer, der hier gänzlich fehlt). Interessanterweise hat man den Putz der Hauswände lange nicht übertüncht – eine Symbolik, die besticht: Die rußgedunkelten Wände als Relikt des alten, typischen Ruhrgebiets, während alles andere in renoviertem Zustand glänzt.





Eine Siedlung, in der ja gelebt und gewohnt wird, und die – wie das Leben überhaupt – Vergangenheit und Gegenwart in sich verbindet. So haben letztlich die spontanen Nostalgie-Gefühle auch nicht wirklich Gewicht, sondern werfen die Frage auf, welche architektonischen Möglichkeiten könnten sich in der Zukunft bieten, nach allen Erkenntnissen, die man nun in gut hundert Jahren gesammelt hat? Es hat sich ja wohl herausgestellt, dass zuviel Gleichförmigkeit nicht gut für die Seele ist. Abgesehen davon, dass es hier verschiedene Häusertypen gibt, vermutlich auch den verschiedenen Erbauungsjahren geschuldet – ein bisschen Jugendstil, verhalten expressionistische Anklänge, 30er-Jahre Heimatstil –, scheinen beispielsweise die Haustüren auf den ersten Blick alle verschieden zu sein. Das stimmt aber gar nicht, es gibt nur ein paar wenige Modelle, die aber nie „in Reihe“ eingesetzt sind, sondern höchstens zweifach, rechts und links, wegen der Symmetrie. Im Nachbarhaus findet sich dann wieder eine andere Tür. Mich begeistert das, denn man erreicht mit einfachen Mitteln einen Eindruck von Vielfalt. 






Vielleicht sollten wir den Werkbund nicht ganz außer Acht lassen, auch wenn wir heute natürlich ganz anders bauen (sollen, müssen). Überhaupt tun liebevolle Details dem Menschen gut – ich schweife kurz ab: ganz in der Nähe der Margarethenhöhe befindet ein Hundertwasserhaus, das letzte Haus des Künstlers – das ja genau dem menschlichen Bedürfnis nach Individualität nachkommen will. Ob man eine solche schräg-bunte Version nun gutheißt oder nicht: die Eintönigkeit der weißgrauen Sachlichkeit, die jetzt überall entsteht, halte ich für fragwürdig.

Schottergärten, die die neuen Siedlungen der Gegenwart atmosphärisch prägen, gibt es auf der Margarethenhöhe glücklicherweise nicht (könnte man sie auch sonst weiterhin „Gartenstadt“ nennen?). Individuelle kleine Gärten und der nahe – bewusst stehen gelassene  Wald bieten das Grün, das man damals wohl gerade als gesundheitsförderlich erkannte.  

 




Auf der Suche nach Details finde ich Voluten und Ornamente, die immer nur sehr dezent gesetzt sind.

Es geht hingegen nicht ganz ohne das Pathos der Zwanziger Jahre: Sowohl der Aufgang von der „Halbe Höhe“ als auch Teile des Marktplatzes wirken schon etwas gewaltig. Das Haus des „Konsums“, heute Edeka, reiht sich in dieses etwas bombastische Konzept ein. Wie stark der Denkmalschutz hier den Ton angibt, sieht man deutlich: EDEKA verzichtet auf den üblichen Schriftzug in Blau auf gelbem Grund; die Schrift ist in diesem Fall aus Messing.




Die Arkadenhäuser am Marktplatz muten wieder ganz anders an: Hier möchte ich am liebsten sofort einziehen.

 




Mit einer Kartoffeltasche und einem Schokobrötchen aus der Bäckerei – war es wohl immer schon eine? – verlasse ich die Margarethenhöhe. Vielleicht komme ich später noch einmal wieder, denn es muss traumhaft sein, wenn die Rhododendren und die Kletterpflanzen blühen.

Und es war doch keine Zeitreise, sondern ein Stück zufriedene Gegenwart.

 

 




 

 

 

Marlies Blauth | 1. März 2021

 Text und Fotos © Marlies Blauth