Dienstag, 30. November 2021

#Menschen Tagebuch | 8

 









Von der Schwierigkeit, sich in Texte zu versenken

 

Die Gegenwart gebietet es, sich eher fernzuhalten von Menschen.

Des Virus' Wege sind noch immer rätselhaft, Art und Dauer der menschlichen Immunität auch – wie lange wirkt der Impfschutz, wie lange die natürliche Immunität nach durchgemachter Krankheit –, die Politik zeigt sich als unsensibel und schwergängig.

Außerdem möchte, ja muss ich für mein zweites Stipendium arbeiten! Mein Buch Bilder aus Kohlenstaub, ermöglicht durch das erste NRW-Stipendium, hat doch sehr viel Zeit und Energie benötigt.

So beschloss ich irgendwann im Oktober, dass ich vom 1. November bis Weihnachten, vielleicht auch darüber hinaus, „in Klausur“ gehen will, ins Atelier; mit etwas anderen Schwerpunkten als gewohnt. Bete und arbeite, Ora et labora, sagte ich früher scherzhaft zu meiner Mutter, wenn ich täglich zehn Stunden künstlerisch arbeitete und sie mich nach meinem Leben, nach meinem Befinden fragte. Durch meinen später völlig anders gestalteten Familienalltag – mit vier Kindern – war das über längere Zeit so nicht mehr möglich. Nachtarbeit und ein paar abgezwackte Stunden, wenn man die Kinder betreut weiß, bedeuten einen völlig anderen Rhythmus.

Nun frage ich mich, ob man das Ora et labora vielleicht doch mal „ohne Scherz“ ausprobieren sollte: Die Arbeit unterbrechen, um jeweils eine halbe Stunde am Tag spirituelle Texte zu lesen, möglichst immer einen je „Durchgang“, damit ich mich meditativ hineinversenken kann. Ich verspreche mir Distanz – zu mir selbst und zu den Problemen, die die gegenwärtige Zeit aufgeworfen hat. Die existentiellen Fragen, die mit diesen Alltagsproblemen verbunden sind, und erst recht die Antworten bleiben leider in der Schwebe, dafür gibt es gerade keine Diskussions-, keine Gesprächsebene.

Ich suche also geistliche (Kurz-)Texte, Auszüge, nehme auch Zufallsfunde oder auch solche, die ich, wie auch immer, warum auch immer, im Gedächtnis habe. Dazu gehört das Ave Maria, für Protestantinnen wie mich eine Art verbotener Garten. Dabei liebe ich das Bild der Schutzmantelmaria sehr, gerade jetzt. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich für ein Marienkrankenhaus eine Maria „mit dem Tragetuch (und natürlich dem Kind darin)“ angefertigt.

Aber das Gebet??

 

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade,

der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes.

 

Ich lese es laut, spreche es … und habe keinen Schreibstift zur Hand. „Bitte für uns Sünder“, nein, das ist mir zu mittelalterlich, das kann ich nicht. Weder „bitte für uns“ noch „Sünder“. Ich mache ein „sei bei uns“ daraus, auch ohne Stift, denke an Maria mit dem Schutzmantel: Wenn wir darunter, unter dem Riesenmantel, Schutz finden wollen und sollen, muss sie ja „da“ sein, die Maria. Ja, so gefällt es mir besser, sei bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes.



 Das Ave Maria, vielfach übereinander geschrieben

Immer wieder spreche ich es, eine halbe Stunde ist lang für einen so kurzen Text. Und dann kommt der Durchhänger (den ich bei meinen Dreißigminutenübungen immer wieder feststelle): Ach, das Bild dort an meiner Wand hängt schief, das muss ich jetzt unbedingt richten. Da kann man doch nicht ständig draufgucken. Und etwas zu trinken brauche ich auch!

Wie würde es sein, die Dauer auf zwei oder drei Stunden zu erhöhen? Marina Abramović hat es tagelang gemacht! Ein bisschen schäme ich mich, merke aber auch, dass es sinnvoll ist, die Klosterklause karg zu halten, eine Gebetsecke („Herrgottswinkel“) oder eine Hauskapelle zu haben – oder eben eine Klosterkirche. Hab‘ ich alles nicht in meinem Atelier. Da ruht die Arbeit; sie ruht, aber ist auch präsent, bietet willkommene Forderungen, so gehe ich schauen, ob die Farbe von eben schon getrocknet ist oder nicht. Und dann geht es weiter mit Mary. Okay, dein Gebet kann ich, mit meiner kleinen Änderung, nun auswendig. Und ich fühle mich, seltsamerweise, wie frisch gebadet. Kein Bällebad, sondern ein Wortebad. Schön!

Am nächsten Tag entscheide ich mich für Verleih uns Frieden, die Übersetzung Luthers der gregorianischen Antiphon Da pacem, Domine, in diebus nostris. Ein Kirchenlied, ein Fragment, das mich als Kind schon beeindruckte – vielleicht, weil mein Vater Kirchenmusiker war, vielleicht, weil ich 12 Jahre nach dem Ende des Krieges geboren bin und viele Ruinen meiner Heimatstadt noch für einige Zeit sichtbar waren. Mehr musste ich nicht vom Krieg wissen, überall Ruinen und Kriegsverletzte mit ihren demütigend schlichten Prothesen und Krücken: Ich hatte Angst vor Krieg. Heute weiß man, dass irgendetwas ("Epigenetik"?) die Erfahrungen der Eltern auf ihre Kinder übertragen kann; damals wunderten sich alle, warum ich bei jeder Sirenenübung in Panik geriet. 

So ein „heiliger“ Text war ein Trost, und seine Zeitlosigkeit habe ich früh begriffen.

Das Eintauchen in diese eindringliche Bitte – auch um eigenen, inneren Frieden – gelingt mir jetzt ganz gut. Sicher auch deswegen, weil ich die Melodie ja kenne und sie zwischendurch singe. Das erfordert ja andere Atem- und Muskeltätigkeit als das pure Sprechen, und ich merke, dass mir bei meiner „halben Stunde“ jede kleinste Abwechslung guttut. Ich bin kein Mensch, der Wiederholungen liebt; ich bin immer für Variationen, Ausprobieren von unbekannten Details, neue Kombinationen. Sonst wäre ich vermutlich keine Künstlerin.

Dieses Interesse für Varianten merke ich auch bei meinen nächsten Texten (z. B. Psalm 85). Dem „Durchhänger“ flüstere ich ein, dass er bitte kein Getränk fordern oder mich irgendetwas richten lassen soll; gut, sagt er, dann lies den Text einfach in verkehrter Reihenfolge, von hinten nach vorn. Ich mache genau das, und was soll ich sagen: Ich mache es nun jedes Mal auch an den folgenden Tagen. Der Text wird durchgeschüttelt, unter die Lupe genommen, neue Assoziationen entstehen. Ich merke, irgendwie will ich den dreißig Minuten etwas abringen. Ein Klosterleben mit Tagzeitengebeten, immer wieder, immer zur selben Zeit … wäre tatsächlich nichts für mich. Meine Neugier, mein Lernenwollen, mein Weiterwollen spielen sich irgendwie doch auf einer anderen Ebene ab als auf so einer spirituellen. Vermutlich würde mich auch in der kargsten Klosterkirche alles Mögliche ablenken – und sei es die (dann wohl eher nette) Fliege an der Wand.

Für den nächsten Tag habe ich mir ein Lutherlied (Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist) vorgenommen. Eigentlich finde ich es sehr fremdartig und unzugänglich, so völlig fern von unserer Lebenswirklichkeit. Gleichwohl birgt es eine wunderbare Zeile: Zünd uns ein Licht an im Verstand.

Ich lese den Text meine dreißig Minuten, kann ihm irgendwie nichts abgewinnen, und doch lässt er mich nicht los. Für den Tag darauf habe ich ihn „gewolft“ (im Automatengedichtautomat von Hannes Bajohr), was ihn natürlich noch absurder macht und bei den zahlreichen Lesedurchgängen so richtig heftig holpern lässt:

 

 

siebenfaltbesuch 

das herz erhalt lebend

dass der ewigkeit eine hand

wir zungenmenschen

verstand fern

teuer fest an uns

lob du herz

voll sein füllbrunn

in folgen licht bald 

seelen werden gott

gibst dem toten jesus beide tröster du

treib kraft denn wort


 

 



Einen Tag später flüchte ich mich ins Hohelied Salomons, das heißt ich habe die Aleatorik bemüht (irgendwo die Bibel aufgeschlagen und Finger drauf). Deine Liebe ist lieblicher als Wein. Ein sehr farbenfroher Text, ich sehe orientalische Ornamente, ich lese es fast als Singsang und habe Spaß daran. Es geht gerade so mit der halben Stunde.

Am nächsten Tag lese ich mein eigenes Gedicht Anna (oder auch Anna selbdritt):

 

Als ich am Abend

Dankesworte in mein Buch schrieb,

schien das Licht der Welt auf,

drang durchs Fenster

(meine Tochter – saphirleuchtend –)

es traf meine Stirn, berührte

sanft meine trüben Augen

und die Buchstaben tanzten

ihren Reigen:

Ich habe den Weg

die Wahrheit, das Leben

gesehen –

 

Das ist, wenn auch kein typisches Gedicht von mir, doch mein eigener Tonfall, die halbe Stunde bekomme ich gut hin, weil ich irgendwie eins bin mit meinem Text. Ich „muss“ ihn auch gar nicht rückwärts lesen.

Interessant finde ich, dass es in diesem kurzen Text heißt „die Buchstaben tanzen“. Ein Phänomen, das ich zeitweise gerade selbst erlebe: wenn man dieselben Wörter immer wieder liest, diese langsam abstrakt werden – also ihre Bedeutung abzustreifen scheinen – und sich zu einem skeletthaften Gebilde aus Buchstaben verändern. Vielleicht hat Anna ihre Dankesworte auch immer wieder gelesen? Und diese Worte verschmolzen zum Dankbar-Sein?

Wie weiter oben schon erwähnt: Ich erlebe nach dieser, „meiner“ halben Stunde ein Gefühl wie Gebadetsein, ein Durchatmen wie nach einem Pfefferminzbonbon – also einen seltsamen Gegensatz zu meinem Unmut, meiner Ungeduld, meinem Konzentrationsmangel: Irgendetwas scheint sich ereignet zu haben. Auch wenn es mir schwer fällt, so scheinen sich Körper und Seele gleichsam ein Scheibchen Ruhe und Erfrischung zu nehmen. Ich sehe aber auch, dass ich – wie es so schön heißt – ein Kind meiner Zeit bin; wie oft bin ich gefragt worden: „Was soll das (bedeuten, darstellen, aussagen)? Was bringt das?“ Ich mache eben Kunst, schreibe etwas auf, einfach weil ich es schön oder interessant finde. Der ständige Drang und Zwang zum Sinnhaften blieb aber natürlich nicht ohne Folgen: Wie ein mahnender Zeigefinger kommt er in meiner halben Stunde hervor und bringt mich immer wieder einmal zum Bilder-Geraderücken oder Etwas-Wegzupfen.

Ganz neugierig werde ich demnächst darauf achten, ob man so etwas „weglernen“ kann.

Ich packe meine Tasche fürs Atelier, meine temporäre Klause, nicht ohne einen neuen Text auszudrucken. Heute ist meine „Übersetzung“ des lutherschen Pfingstliedes dran. An einer Stelle – zünd uns ein Licht an im Verstand habe ich natürlich gelassen – heißt es im Update:

 

Denn du bist

Balsam für unsere Seele,

bist wie ein sprudelnder Brunnen,

Liebe und Feuer.

 

Einatmen, ausatmen … und das Bild schief hängen lassen.

 

 

Marlies Blauth | 30. November 2021

Text und Bilder © Marlies Blauth








 

Sonntag, 14. November 2021

Kohlenstaub: Näherungen | Rezension von Patricia Falkenburg

 



Kohlenstaub: Näherungen

zu „Bilder aus Kohlenstaub“ von Marlies Blauth, edition exemplum, Athena-Verlag Oberhausen 2021

 

Gratulation! Gratulation: Dem Athena-Verlag, der 2021 in seiner edition exemplum dieses wunderbare Buch vorgelegt hat. „Bilder aus Kohlestaub“ vereint eben solche – Bilder aus Kohlestaub – und Gedichte von Marlies Blauth zu einer eindrucksvollen Erinnerungsreise durch das Ruhrgebiet. Sie hat dafür Kohle zu Staub zerrieben und auf Leinwände gebracht, Kindheitsbilder aus dem Staub der Jahre geborgen und den Bildern gegenübergestellt. Auch wer das Ruhrgebiet nicht kennt – wie die Autorin dieser Zeilen – wird sich kaum dem Sog dieses Buchs entziehen können. Umso stärker dürfte dies für diejenigen Leser:innen gelten, die mit Blauth gemeinsame Erinnerungen teilen. Und es ist auch ein wirklich wunderschönes und überaus sorgfältig gestaltetes Buch.

 

Wie bespricht man Bilder? Vielleicht taugt die lyrische Annäherung, um eine Vorstellung von ihrer Wirkung zu geben. Blauths Gedichte hingegen sprechen für sich selbst: man sollte sie unbedingt lesen! Und die Bilder ansehen, natürlich auch.

 

ich war noch nie ∙ dort war ich noch nie ∙ Fremdgebiet ∙ das Rußige habe ich nur ∙ vom Sagenhören im Kopf ∙ es war einmal im Pott ∙ jetzt vor Augen  ∙ auf diesen Bildern ∙ rußig rostrot verschattet ∙ gemalt geschrieben: so schön ∙ können Erinnerungen aus Kohle sein

 

Zentral in diesem Band ist der künstlerische Prozess, eigene Bilder mit eigenen Gedichten zu konfrontieren. Selbstverständlich gilt dies auch umgekehrt: die Gedichte bilden sich ab. Nichts daran ist plakativ. Die Beziehungen weben unter der Oberfläche, nur gelegentlich greifen die Worte das Sichtbare unmittelbar auf und führen es weiter.

 

Schlotbäume ∙ wegloses Schwarz davor ∙ dies streifige Weiße ∙ Weg ∙ heißt Weg ∙ als seien bei jedem Schritt ∙ Schwellen zu überschreiten

 

in der Brücke ∙ klafft ein Loch ∙ Schwärze hat den Übergang verschlungen ∙ wird Übergang ∙ in die Zeit danach ∙ vorher Erwartungen an elegante Bögen ∙ Zusammenkünfte ∙ nun leerer Raum

 

„Land aus Rost und Staub“ ∙ hier opfert keiner mehr ∙ für glückliche Fahrt ∙ am Poseidontempel auf der Halde ∙ der graue Himmel zehrt auf ∙ was ohnehin nie Säulen waren

 

So abweisend manche der Landschaften erscheinen mögen, Blauths Gedichte sind im besten Sinne zugänglich, öffnen sich der Leserin, dem Leser als Projektionsfläche eigener Erfahrungen und Erinnerungen. Dessen ungeachtet schweben sie selbst über zahlreichen Schichten verdichteter Erfahrung – bis in die jüngste Zeit, übrigens. Sanfte Worte findet Blauth für die kollektive Verstörung, der wir alle in diesen pandemischen Zeiten der Abschottung anheimgefallen sind. So möchte sie einfach „eine Rose verschenken“ und sie tut dies in ihren Gedichten, wenn nicht in der Realität. Uns wird ein „sonniger Herbsttag 2020“ sorgsam aufbewahrt.

 

Die vor ihrem ‚es war einmal‘ zurückgelassenen Menschen müssen neue Namen finden für diese maschinen-gezeugte Landschaft. Damit die Kinder, die danach kommen, wissen wie sie die Heimatmarkierungen zu nennen haben: Haldenberge, Kahlflächen, die in vergangener Zeit fruchtbares Ackerland waren. Blauth braucht nur wenige Worte, zwei Strophen mit zweimal sechs Zeilen, um die Transformation der Landschaft von Natur zu Dienstbarkeit zu Abraum und schließlich zu neuem Wachstum fassbar zu machen. Wo heute der Horizont rot glüht, da steht ein „Gebirge aus Bäumen“. Und es wird einen Namen haben, spätestens in der nächsten Generation.

 

durch Nebel ∙ schwaden ∙ schemen ∙ Türme ∙ der Klang der Glocken ∙ ist unter Tage gegangen ∙ zerrinnt im Unbestimmten ∙ Erinnerungen sammeln Staub

 

da ist ein Sturm um das Gebäude ∙ nicht zu fassen ∙ die tosende Schwärze ∙ kreischt und wütet über das Papier ∙ am Rand ∙ außen am rechten ∙ Rand ∙ loht ein gleißendes Weiß ∙ „im Hintergrund“ ∙ so war das einmal ∙ „kochten die Hochöfen“

 

In manchen der Gedichte ist die Landschaft weit aufgesperrt und lädt zur Erkundung, in anderen schlägt ein mürrischer Tag die Tür zu und scheucht die Wörter nach innen. Vielleicht ist seine Schicht zu Ende. Vielleicht hat er sich abgearbeitet an diesen düsteren Farben, die zwischen Licht und Schatten nur ein rotes Glühen zulassen? Da sitzt ein lyrisches Ich mit sich allein und schreibt Worte auf kariertes Papier, die niemand sonst zu lesen bekommt.

 

Blauth malt mit ihren Worten wie mit der Kohle. Sie zerreibt die Kohle und macht sie dem Bild gefügig und in einigen ihrer Gedichte verfährt sie ähnlich mit ihrer Sprache: zerreiben und zu neuem fügen. Was für ein herrliches Wort, zum Beispiel, ist „Ohratem“. „Gleißendes“, das „tanzt und tellert“. Dabei muss den Ohren, denke ich mir, doch fast die Luft weggeblieben sein, im Gelärm der Stahlwerke.

 

graues Gewölk ∙ über Nachtschwärze ∙ über grauer Abschabung ∙ eine einzelne Spitze ∙ da wächst eine ganze Kirche ∙ heraus ∙ die Stadt duckt sich unter das Abendtuch ∙ in den Gassen ∙  versickern letzte Gespräche

 

Blauth gelingt es, ein ganzes Leben und seine Landschaften bei seinen Gedichten zu packen. Auch das Finstere wird nicht ausgespart. Durchaus taugen diese Gedichte auch dazu, das Grauen zu benennen. Da wird dem Park unerwartet das Geschichtsbuch vorgehalten und im Schatten nistet die Schuld.

 

im Park behauptet ein Tempel antike Bezüge ∙ an Säulen ∙ gleiten Schatten ∙ die Erde ist ∙ mit wüster Geschichte getränkt ∙ die Bäume tragen Morde in den Jahresringen ∙ auf der Dunkelseite irren die Sichtachsen ab

 

Sie hat Worte zur Hand, diese Dichterin, die sie den Leser:innen darreicht. Die taugen zur Stärkung, zum Aufbewahren in Gedächtnisnähe und um damit an eigene Erinnerungen zu rühren. Erinnerungen, ja. Es ist dies ein Buch voller Erinnerungen. An das Kind, das einmal war, und in den Gedichten dem Alltag begegnet, der einmal war: der Warmherzigkeit der Mutter, dem Heimwehzauber des Vaters, dem blattgold-freien, nicht-eben-üppigen des Alle-Tage, dem Archiv der einfachen Dinge. Ich denke mir aufgeschürfte Knie dazu, Kamillentee gegen das Bauchweh, wenn die „gemischte Tüte“ zu groß war. Den Auszug mit rotem Mantel in die Ferne. Die Rückkehr.

 

und immer ∙ wieder ∙ die Halden ∙ Kohle ∙ Staub ∙ und Halden ∙ zu Landschaften aufgeworfen ∙ alternde Maulwurfshügel ∙ Schattenseiten an kärglichem Licht ∙ Schlote ∙ und doch ∙ wenn Licht ist ∙ gibt es Rosen und ∙ Worte auf den Weg ∙ was ∙ zum Mitnehmen

 

Ich glaube fast dies Ruhrgebiet zu kennen. Nun, nachdem ich diese Gedichte gelesen, diese Bilder angesehen habe. So schön können Erinnerungen aus Kohle sein. Ich muss unbedingt einmal hinfahren. Unbedingt.

 

 

Patricia Falkenburg,

November 2021

 

 

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Freitag, 12. November 2021

Florale Ornamente
















Florale Ornamente (mit Teebeutel-Collagen)

Einzelformat: 31 cm x 120 cm










 









Donnerstag, 4. November 2021

#Menschen Tagebuch | 7

 









 

Allerheiligen – Allerseelen

 

Was für schöne Wörter! Alle Heiligen und, fast noch wichtiger, alle Seelen. Niemand bleibt außen vor.

 

 

Am Allerseelentag

 

auch für die Lebenden

Lichter ins Laub stellen

ins gefallene

jetzt

wo die Zukunft so dunkel

heraufziehen will

gedenken wir

aller Seelen

 

in die Gegenwart

diese winzige Spanne

zwischen den Zeiten

 

will Leben

leuchten


 

Dieses Gedicht schrieb ich vor einiger Zeit, es ist nun in meinem Buch Bilder aus Kohlenstaub veröffentlicht.

Heute war der zweite Tag meines Rückzugs. Kontemplatives Arbeiten, möglichst ohne Menschen; die, die mir begegnen, die mich kontaktieren, bekommen freundliche Worte – selbstverständlich –, aber ich möchte allein sein, vieles sortieren, mich durch den Urwald mangelnder Logik schlagen (bis ich wieder Licht sehe), ich möchte Wörter austauschen, sprachliche Unschärfen tilgen. Vielleicht ist das ja überhaupt „Buße“? Selbstdistanz finden und pflegen?

Keine Ablenkung, sondern Fokussierung auf das Wesentliche. Ich möchte die spirituelle Seite davon kennen lernen. Vielleicht gelingt es mir.

 

 

 


 

Marlies Blauth | 2. November 2021

Text und Bild © Marlies Blauth






Montag, 1. November 2021

#Menschen Tagebuch | 6

 






Ora et labora

 

Nein! Ich will nicht mehr in diesem widersprüchlichen Alltag leben.

Inzwischen sagt man mir: „Nicht jeder denkt so logisch wie du!“. Was soll das sein? Vorwurf, Trost, Kritik oder Lob?


„Die tun uns nichts,“ sagt die Freundin, als wir in der Regionalbahn nur noch ein paar freie Plätze im direkten Umfeld einer partyfeiernden Gruppe Jugendlicher finden. Schon wieder! Diesmal schon mittags um zwei, es wird gesungen, gescherzt, die Musik ist laut. Ein kleiner Rollkoffer voll mit Schnapsflaschen fährt mit, mehr als genug, um das Thema Corona für viele Stunden zu ertränken.

Wieder bin ich hin- und hergerissen zwischen Verständnis, Verständnis für die Jugendlichen und ihren Drang nach Leben, zwischen dem Gefühl, dass es Corona hier gerade nicht gibt, und der Angst, dass ich mich vielleicht doch anstecken könnte. Meine Freundin hat diese Angst nicht, sie mag die unmaskierte Lebenslust der Jüngeren.

Inzwischen weiß ich, dass ich mich von denen jedenfalls nicht angesteckt habe. Und überhaupt, wie käme man durch den Alltag, wenn man jede eventuelle Gefahr fürchtet – jedes Zugsignal könnte ja falsch anzeigen, jedes Auto von einem Irren gefahren werden, jeder Pflasterstein locker sein, jedes Geländer morsch.

Ich will das nicht. Ich muss nicht saufen und grölen, um zu spüren, dass ich lebendig bin; aber ich will leben. In den Widersprüchen dieser Tage kann ich das nicht. Menschen – die einen sind zügellos, die anderen mahnen, kontrollieren, drohen (vielleicht ebenso zügellos). Ich selbst bin moderat, ohne moderiert zu werden, gemäßigt, ohne dass man mich mäßigen muss. Diese Eigenschaften möchte ich nicht verlieren. Die Monate der Verwirrung, des Verwirrtwerdens, dauern mir zu lange. So habe ich beschlossen, meine nächsten sieben Wochen – bis auf ein paar wenige Ausnahmen – sozusagen in Klausur zu verbringen: Bete und Arbeite, dem Wahlspruch vieler Mönche und Nonnen entsprechend. Ich habe künstlerisch viel zu tun und möchte, wenn möglich, auch spirituelle Erfahrungen machen.

Heute ist Reformationstag. Martin Luther verwarf später das klösterliche Leben, das er doch selbst eine Zeitlang geführt hatte. Vieles war damals – es war ja noch im Mittelalter – ad absurdum geführt. Aber eine Auszeit von der alltäglichen Zwangsjacke, der Versuch, den Heiligen Geist zu finden und zu spüren, ist vielleicht gar nicht so schlecht.

Ich brauche neue Perspektiven, neue Arten der Wahrnehmung. Um mich herum werden Grenzen gezogen, die ich akzeptieren muss; ich bin aber nicht bereit, mein Denken eingrenzen zu lassen. Auch in einem engen Raum kann man Weite empfinden; der Mensch hat schließlich auch ein Innen, eine Innenwelt, ist nicht bloß Gestalt, die einsortiert wird in ein Außen.

Ich möchte suchen und versuchen.

 

 

 

Marlies Blauth | 31. Oktober 2021

Text und Bilder © Marlies Blauth

 

 


Sonntag, 31. Oktober 2021

Gedicht [Tabu-Thema]

 






Tabu-Thema

 

ich nähere mich

dem Altarm des Flusses

Wegweiser Warnschilder

bauen sich vor mir auf

sedieren mich

meine Sprache

Reden ist Silber

Verschweigen Talmi

 

auf meinem Rückzug

züngelt mein Lächeln lau

die Stille um mich ist

ein Stalker

 

 

 

 

 

 

 

Text und Bild © Marlies Blauth