Liebe Gäste!
Für einen Moment möchte ich Sie – gedanklich – ins ausgehende Mittelalter
„entführen“. Da hat es den Vorgängerbau dieser Kirche schon gegeben, und es war
eine ähnliche Umbruchszeit wie die heutige. Der Buchdruck etablierte sich, es
wurden immer wieder neue Entdeckungen gemacht – vor allem geografische: von
Christoph Columbus hat wohl jeder schon gehört –, die Wissenschaft formierte
sich usw.
Einige Leute, vor allem wohlhabende, die sich dazu als
„weltoffen“ geben wollten, begannen, Sammlungen anzulegen, vielfach mit
Dingen aus Übersee, das war ja alles neu und unbekannt und rätselhaft. Aber
nicht nur aus fernen Ländern stellte man Objekte zusammen. Alles wurde in so
genannten Wunderkammern aufbewahrt und präsentiert.
Diese Sammlungen waren übrigens Vorläufer unserer Museen,
folglich auch Vorläufer von Ausstellungen.
Was war dort zu sehen? Man kann im Großen und Ganzen zwei
Kategorien nennen:
– Naturalia (Dinge aus der Natur – z. B. Korallen,
Schneckengehäuse, präparierte exotische Tiere, Herbarien – getrocknete Pflanzen
und Pflanzenteile –, und auch Steine, Versteinerungen und Edelsteine) und
– Artificialia (von Menschen gemachte Dinge, also im weitesten
Sinne Kunst)
Es gibt einen bekannten Film über Martin Luther, in dem Friedrich der Weise von Sachsen zu sehen ist, herrlich gespielt von Sir Peter Ustinov, inmitten seiner Sammlung – die angeblich an die 19.000 Ausstellungsstücke umfasste. In diesem Fall waren es übrigens noch hauptsächlich Reliquien, aber der Grundgedanke der Wunderkammer war geboren.
In dieser Kirche hier in Hagen können Sie einen sensiblen Rest, einen Hauch der Wunderkammer-Sammlungen erkennen – natürlich ganz anders, als es vor 500 Jahren üblich war.
Vielleicht haben Sie hier und da schon auf die Platten des Fußbodens geblickt? Da sehen Sie an manchen Stellen naturgemachte Schönheiten, nämlich pflanzenartige, sich aufs Feinste verzweigende Strukturen. Nachher können Sie herumlaufen und sie suchen und sich ansehen.
„Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet“ – so
dichtete Joachim Neander. Gemeint war: kunstreich, kunstvoll. Seine Worte
beziehen sich selbstverständlich auf den Schöpfer und die Menschen, aber „kunstvoll
und fein“ passt genauso für diese Gebilde im Stein. Die eben nicht von
Menschenhand entstanden sind. Ich komme nachher noch einmal darauf zurück.
Und wenn Sie nun nach OBEN blicken, in die Gewölbe dieser Kirche: Da entdecken Sie gemalte pflanzlich-geometrische Formen. Die Natur war Vorbild, aber Menschen haben die Ornamente entworfen und aufgebracht. Da haben Sie dann diesen „artifiziellen“ Gegenpol. Oben und unten ergänzen sich in diesem Raum hervorragend – oben das Kunstschöne, unten das Naturschöne.
Ich bin ausgebildete Künstlerin, unter anderem Künstlerin des Hagenring – einer Künstlergemeinschaft, die 2024 ihr hundertjähriges Bestehen feierte, unter anderem mit einer Gemeinschaftsausstellung im Osthausmuseum. Von mir waren dort Variationen pflanzlicher Ornamente zu sehen, deren Vorbilder größtenteils Ausmalungen in Kirchen sind – so ähnlich wie hier in den Gewölben.
Pfarrerin Eßer zeigte mir daraufhin die Strukturen auf den
Fußbodenplatten der Johanniskirche – die an Pflanzen erinnern, aber gar nichts
damit zu tun haben – und fragte an, ob ich mir ein künstlerisches Projekt in
diesem Zusammenhang vorstellen kann.
Ich liebe die Herausforderung, habe allerdings von Geologie
überhaupt keine Ahnung. Immerhin konnte ich erfahren, dass diese Strukturen
eben keine Fossilien sind, keine Abdrücke oder Versteinerungen von Pflanzen,
sondern das Ergebnis chemischer Prozesse: die Verästelungen in schwarzen,
braunen oder bläulichen Tönen sind durch das Einsickern und eine anschließende
Auskristallisierung von Eisen- und Manganverbindungen entstanden.
So kam der Titel der Ausstellung Steingärten – Scheinblüten
zustande.
„Scheinblüten“ ist ein Begriff aus der Biologie: Was wie eine
Blume oder eben Blüte aussieht, ist manchmal zusammengesetzt aus anderen Teilen
einer Pflanze. Der Weihnachtsstern ist ein bekanntes Beispiel, man meint,
leuchtend rote Blüten zu sehen, es sind aber „normale“ Blätter, nur eben nicht
grün. So ähnlich ist es eben hier auf den Steinplatten: Wir sehen Pflanzen, die
keine sind.
Mit „Steingärten“ sind eigentlich Gärten gemeint, in die man
Pflanzen aus den Alpen gesetzt hat, dazwischen Felsfragmente, um dem
ursprünglichen Biotop möglichst nahe zu kommen. Hier, bei uns, ist es das
Gestein selbst, auf dem sich sozusagen Gärten und Wälder zeigen.
Nicht nur die belebte, sondern auch die unbelebte Schöpfung kann
immer wieder zum Staunen bringen – wenn man nur genau hinschaut. Wir
Künstlerinnen und Künstler haben die Aufgabe, auf Details, Unbekanntes,
Staunenswertes hinzuweisen – „Kunst macht sichtbar“, sagte einst Paul Klee (der
Aufsatz, in dem dieses Zitat erschien, heißt interessanterweise „Schöpferische
Konfession“).
Nun ein paar Worte zu mir und meiner Arbeit: Mein Jahre langes Studium – mit zwei Abschlüssen – führte dazu, dass ich verschiedene Dinge mache, die allerdings alle in einem inneren Zusammenhang stehen. Ich arbeite als Künstlerin und Autorin (ich schreibe Lyrik und habe kürzlich meinen fünften Gedichtband herausgebracht), außerdem bin ich ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Geboren und aufgewachsen bin ich hier in der Nähe, in Dortmund, wo ich mit 14 Jahren meine künstlerische Laufbahn als Jungstudentin begonnen habe.
Meine Ausstellung geht bis in den späten Sommer, zum Ende hin
werde ich meine Gedichte in Form einer Lesung – hier – präsentieren. Vielen
Dank!
Marlies Blauth / eigene Einführung zu meiner Ausstellung, gehalten am 13. Juni 2026





