Mittwoch, 16. Juni 2021

#Menschen Tagebuch | 1

 








 

Wir öffnen (uns) – eine beschwingte Stadt

 

Nun also ein neues Projekt: Das erste – Kohlenstaub – klingt aus, bald wird die Essenz davon sichtbar in Form eines Buches. Jetzt bin ich unterwegs, um Menschen wahrzunehmen, die Kommunikation zwischen ihnen und mit ihnen.

Wieder begleite ich die Freundin, die an einem klinischen Sonderprogramm in Wuppertal teilnimmt. In dieser Stadt habe ich dreizehn Jahre gewohnt, erst bedingt durch mein „buntes“ Studium (Kunst, Biologie, Kommunikationsdesign, Ev. Theologie – Letztere „nur so“, ohne Abschluss), später durch meine Arbeitsstelle. Also kenne ich Wuppertal recht gut, auch wenn sie mir nie zur Heimat wurde, denn das Bergische Land mit seinen Menschen ist mir immer fremd geblieben. Manchmal bleibt man eben an einem Ort hängen, ohne es jemals so geplant zu haben.

Allein schon wegen der vielen Regentage erlebte ich Wuppertal oft schwergängig und schlecht gelaunt, aber die Stadt hat natürlich auch ganz andere Seiten und besitzt jedenfalls Charakter.

Heute fahren wir in die Sonne – in sonniges Wetter und in sonnige Stimmung, denn es hat, gleichsam über Nacht, einige Corona-Lockerungen gegeben. Diese Bezeichnung mag ich eigentlich nicht, denn ich muss dabei immer an einen Pitbull denken, dem man sein stacheliges Halsband etwas lockerer einstellt. Aggressive Hunde sind wir ja nun nicht. Dennoch: Der Sachverhalt ist eine Süßigkeit für die Seele: Mehr als sieben Monate Lockdown! Nun will ich einfach schauen, was (wieder) geht, was sich geändert hat, was es „mit den Menschen macht“.

Ich laufe zum Laurentiusplatz, wo ich, wie beim letzten Mal, einen Packen Bücher in den Öffentlichen Bücherschrank stelle. Schon hier nehme ich lachende Stimmen und Klappergeräusche wahr, die auf Kulinarisches hinweisen: Cafés und Restaurants sind geöffnet! Er-öffnet!

Ich frage mich durch. Wo stehen die Tische und Stühle der Eisdiele (die besonders leckeres Malaga-Eis herstellt, heißt es im Internet)? Darf man sich einfach so niederlassen, ohne Getestet-geimpft-genesen-Formular? „Ja, ganz wie früher!“ bestätigt mir eine Dame begeistert. Vor ihr steht ein wunderbarer Erdbeerbecher, überhaupt wirkt alles wunderbar gerade, selbst der ganz schlichte Milchkaffee, den ich mir wenig später bestelle. Die Bedienung ist so happy, dass man gleich etwas Nettes zurücksagen muss, alle Menschen lächeln, weil so viele Barrieren gleichzeitig gefallen sind, nicht zuletzt die Anti-Lächel-Maske, auf die man beim Eisessen getrost verzichten darf.

Die Nebentische stehen recht weit weg, aber das macht nichts, es entwickeln sich trotzdem Gespräche. Ich schreibe an meinem Gedicht Sonnengesang, die beiden Damen am nächsten Tisch sprechen mich an: “Wenn Sie Inspiration brauchen, wir stehen zur Verfügung!“. Ich lache und erkläre: „Da liegen Sie ganz richtig, ich bin Künstlerin und Autorin und befasse mich aktuell mit dem Thema Menschen.“ Wir reden über coronabedingt Abgesagtes, über die Stadt Wuppertal, wie schön die Nordstadt ist mit ihren alten Häusern, übers Zeichnen. Ich genieße die mediterrane Atmosphäre, die ich gerade in Wuppertal nie erwartet hätte. Die Stadt wirkt auf mich wie ein Mensch, der ein Kleidungsstück trägt, das ihn besonders attraktiv macht, was ihm wiederum zu einer besonderen Ausstrahlung verhilft: „meine“ graue Stadt, die plötzlich in Farbe daherkommt.

Wir reden und lachen, ich arbeite mich durch eine ausnahmsweise riesige Eisportion (mit Malaga), da ruft die Freundin an, dass ich zur Klinik kommen kann. Was? Anderthalb Stunden sitze ich nun schon hier? Beschwingte Menschen lassen die Zeit wie im Flug vergehen – interessant, wie diese bildhaften Umschreibungen alle mit Luft und Fliegen und Leichtigkeit zu tun haben. Es geht aufwärts!

Die Freundin berichtet von derselben Stimmung im Krankenhaus; die Ärztin war noch lockerer und gesprächiger als sonst, es wurde gescherzt und gelacht.

Anschließend gehen wir in die Stadt, die Läden haben wieder offen, man darf ohne G-Gedöns hinein, braucht allenthalben seine Maske. Aber die ist ja nicht der Rede wert. „Einfach so in den Kaufhof!“ – wir können es kaum fassen, nach so vielen Monaten. „Guck mal, all die Waren …!“ sagt die Freundin, und mir kommt der Gedanke, dass es ähnlich gewesen sein muss damals, wenn man aus der DDR in den Westen kam. Wir genießen es, „diese Waren“ einfach nur anzusehen und, wie Kinder, zu staunen. Irgendwie hatten wir die „schönen“ Läden fast vergessen, kauften immer nur Fressalien und Klopapier. Ich brauche einen Sonnenhut, herrliche Exemplare gibts, allerdings habe ich nicht die richtige Kopfform, ich sehe mit allen Modellen gleich doof aus und beschließe, lieber doch keinen Hut zu kaufen. Aber es ist schön, die verschiedenen Materialien anfassen zu dürfen und nicht nur als Bildschirmbild zu erahnen.

Wir besuchen noch ein paar weitere Geschäfte, aber von einem Kaufrausch sind wir weit entfernt: Das Anschauen ist Vergnügen genug. 

Unseren Zug verpassen wir, obwohl wir längst auf dem richtigen Bahnsteig stehen. Allerdings ganz vorn, wo niemand hinkommt, damit wir unsere Masken mal kurz abnehmen können. Wir stehen lustig und redselig in der Sonne und merken nicht, dass der Zug weiter hinten hält. Fährt er also ohne uns! Für Ärger hat unsere Seele heute keinen Platz:  „… und abermals sage ich euch: freuet euch!“, steht in der Bibel, und genau das haben wir einen Tag lang gemacht.

 

 

 

Marlies Blauth | 14. April 2021

Text und Bild © Marlies Blauth

 






Prolog Nr. 22






2 Gedichte: Belladonna altert und ein Nachtwesen …

1 Illustration Halde

 

in Prolog / Heft 22/ Mai 2021

ISSN 1867-4917









 












Donnerstag, 3. Juni 2021

Hympendahlbrücke










 




Hympendahlbrücke


Text: Marlies Blauth

Video: Andreas Blauth











Montag, 17. Mai 2021

Herzliche Einladung

 









Kleine Ausstellung in der Galerie Torfhaus / Westfalenpark Dortmund

 

18. – 24. Mai 2021 (Pfingstmontag letzter Ausstellungstag)

täglich 11 – 18 Uhr geöffnet

 

Corona-Maßnahmen: bitte Kontaktdaten beim Eintritt in den Park angeben, bitte eine Maske während des Ausstellungsbesuchs tragen 

(nur eine Person bzw. „ein Haushalt“ sind im Ausstellungsraum erlaubt, also ergibt sich evtl. eine kurze Wartezeit … vielleicht im Bauerngarten oder im Skulpturengarten nebenan)

aber keine Testpflicht oder ähnliches











Sonntag, 9. Mai 2021

WC – Während Corona: where’s a water closet? [Glosse]





Wenn ein Randproblem zum Hauptproblem wird


Vor einigen Jahren beging ich den großen Fehler, gemütlich mit einer Freundin aus dem Studium eine Kanne Tee zu trinken und dann meine Heimfahrt anzutreten. In dem Zusammenhang erinnert mich dieses „Antreten“ an das altmodische „Austreten“ … genau dazu gleich die Durchsage im Zug: Alle Zugtoiletten sind defekt, es tut uns leid.

An meine Bauchkrämpfe, ganzganz kurz vor einer drohenden Peinlichkeit, erinnere ich mich noch wie heute. Tee, vor allem in größeren Mengen, also bitte nur noch „stationär“. Ich habe mich brav dran gehalten.

Aber trinken muss der Mensch nun mal, und das Gegenteil dann irgendwann auch. Auf längeren Spaziergängen, kleinen Wanderungen gibt es also immer einen Zeitpunkt, zu dem man irgendwo „einkehrt“: eine Kleinigkeit isst, etwas (nicht zuviel! und keinen Tee!) trinkt und dann irgendwann das freundliche Örtchen aufsucht. Oder, wenn man Butterbrot und Getränk im Rucksack hat, einen Euro in die Hand nimmt und fragt: Darf ich mal eben, ich bezahle es natürlich auch?

Kein Problem also. Bis zu den Corona-Maßnahmen, die die Gastronomie, wie man sie kennt, nun für Monate deckeln und höchstens noch Mitnahme-Angebote dulden. Das heißt, es gibt nur noch eine Durchreiche durch Tür oder Fenster, ein provisorisches Büdchen oder einen geparkten Imbisswagen mit hektischer Bestellmöglichkeit aus einer überschaubaren Auswahl – vor allem aber, was für unser Thema wichtig ist, absolut ohne Zugang zum Haupthaus. Für den ersten Teil des leiblichen Wohls ist also gesorgt, für den zweiten hingegen nicht. Wie man den managt, bleibt einem selbst überlassen, gedanklich allein gelassen.

Auf einem idyllischen historischen Weg im frühen Frühling, als die Bäume noch keinerlei grünen Sichtschutz trugen, fällt es mir erstmalig schmerzhaft auf: Nicht einmal das „Waldklo“ ist benutzbar. Erschwerend kommen Warnschilder dazu: Bergschäden! Die Wege nicht verlassen!

Okay. Zuerst ist man ja noch irgendwie hoffnungsvoll. Aber dann wird klar: Hier ist nichts. Keine Gelegenheit. Niente. Wie machen das eigentlich die anderen? (Die haben dasselbe Problem, reden nur nicht drüber. Und wenn doch, kann man skurrile Geschichten erfahren, deren Details hier lieber schweigen).

Ich kenne noch die Zeiten, zu denen eine Bahnhofstoilette ein unbeschreiblich gruseliger Ort war (einmal … und nie wieder!); schon von weitem war zu riechen, wo man besser nicht hingeht. Hier nun ein ausdrücklicher Dank an jenen klugen Menschen, der auf die Idee kam, die schaurige Bedürfnisanstalt durch eine heitere, hygienische und von einem lebenden Menschen gepflegte Einrichtung zu ersetzen – oft sogar mit frischen Düften und Musik im Hintergrund. Natürlich gegen ein Entgelt … aber in diesem Fall zahle ich gern.

Zum Glück gehen die Schneisen der Corona-Maßnahmen nicht bis hierhin. Allerdings bietet, natürlich, nicht jeder Bahnhof eine solche Ausstattung. Ich kenne da einen, der gerade renoviert wird … jedoch weiterhin toilettenlos. Früher habe ich mir dann, zumindest im Sommerhalbjahr, gegenüber ein Eis genehmigt und sämtliche Gastfreundlichkeiten genutzt. Das geht nun auch nicht mehr.

So bin ich schon manches Mal von irgendeinem Außenbezirk zurück zum Hauptbahnhof gefahren, um dort mein Euro-Geschäft abzuschließen; sehr umständlich, wenn man eigentlich ganz woanders spazierengeht oder fotografiert. Und teuer, wenn man kein Ticket hat, das solche Herumfahrerei inkludiert; gerade kürzere Strecken haben es preislich ja in sich.

Unterwegs in einem denkmalgeschützten (v. a. Wohn-)Gebiet, frage ich in einem Supermarkt nach, dessen Übersichtlichkeit mir eine gewisse Hoffnung auf menschliche Großmut einflößt. Nein, nur für Kinder und Schwangere, lautet die Antwort, deren Brutalität offenbar nur jemandem klar ist, der gerade nur ein einziges Problem hat – nämlich das, weder Kind noch schwanger zu sein. Immerhin treffe ich auf Mitleid in einer Apotheke und habe auf diese Weise das Vergnügen, ins tiefe Innere eines der Denkmalhäuschen zu kommen – aber es ist schon unschön, als Bittstellerin auftreten zu müssen und vor lauter Pein einen besonders tiefen Griff in die Geldbörse zu tun, um sowohl Kaffeeschweinderl als auch Gewissen zu besänftigen.

Und hier eine weitere ungeahnte Rettung in der letzten Minute: Ich habe mich fast schon aufgegeben, da komme ich um die Ecke und sehe eine Outdoor-Galerie mit ganz vielen Skulpturen. Eine Dame sitzt draußen in der Sonne, ich fange ganz unterwürfig an … und sie sagt: Ooooh, da kann ich helfen. Dritte Tür links, und wenn Sie dann etwas für unsere afrikanischen Künstler in die Spendenbox werfen, freuen wir uns!


Stay at home, jajaja, aber doch nicht über Monate! Ich merke, ich bin weniger beweglich geworden. Nicht zuletzt deswegen, weil mir lange Spaziergänge einfach keinen Spaß mehr machen. Aus Gründen.



Text und Foto © Marlies Blauth









Sonntag, 2. Mai 2021

#Kohlestaub Tagebuch | 25

 







Werden und Vergehen – noch einmal Phoenix West, außerdem die Hympendahlbrücke

 

Mein letzter Blogbeitrag zu diesem Projekt, Nummer 25 klingt doch gut, oder? Das nächste Stipendium ist bestätigt, jetzt muss ich einen guten Übergang zwischen beiden Themen, beiden Serien, hinkriegen. Daher lasse ich das Ruhrgebiet langsam „ausschleichen“, während mein Buch dazu langsam Gestalt annimmt: Im Sommer soll es erscheinen.

Noch einmal führt mich mein Weg nach Dortmund: Auf dem Gelände von Phoenix West ist eine Outdoor-Ausstellung der Dortmunder Gruppe (der ich angehöre) zu sehen: über 80 Künstlerfahnen sind an zwei langen Zaunstrecken installiert. Auch wenn es sich hier nicht um Originale handelt, sondern um wetterfeste Drucke, so punktet die Ausstellung jedenfalls durch ihre Außergewöhnlichkeit und Vielfalt. Eine schöne, kreative Präsentation, den Maßgaben der Gegenwart geschuldet, durch die unzählige Veranstaltungen nicht nur auf unbestimmte Zeit verschoben, sondern großenteils auch unwiederbringlich gemacht wurden.


 




Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor über 30 Jahren in die Dortmunder Gruppe kam: Der damalige Vorsitzende Otto Bahrenburg mochte mich und meine Arbeiten, war irgendwie auf mich aufmerksam geworden, nun musste aber noch abgestimmt werden. Damals traf sich die Gruppe noch im Fritz-Henßler-Haus, einem typischen 50er-Jahre-Bau (oh, nur zwei Jahre älter als ich …), und ich schleppte einige meiner Bilder an, um mich damit vorzustellen. Schließlich musste ich draußen vor der Tür über mein „Urteil“ warten. Und dann hieß es: angenommen. Meine erste Mitgliedschaft in einer Künstlervereinigung. Ein paar weitere sollten noch folgen, teils ein Kommen und Gehen, doch in Dortmund bin ich nach wie vor „zu Hause“ – auch künstlerisch. So habe ich 6 meiner Kohlestaub-Bilder auf „meine“ Fahnen drucken lassen, in der Hoffnung, dass sie so gehängt werden, dass man die „stolzen Gerippe“ des Phoenix-Werkes im Hintergrund sehen kann … leider hat es so nicht geklappt. Egal, ich freue mich, dabei zu sein.


Ganz in der Nähe (so nahe hatte ich sie gar nicht vermutet) befindet sich die Hympendahlbrücke. Früher konnte man sie, wenn ich mich richtig erinnere, nur von Weitem sehen, jetzt kann man auf Spazierwegen darunter her laufen oder um sie herum.

 

Hympendahlbrücke

 

wie ein Gemälde

voller Ruinenromantik –


ein Viadukt

das keines mehr ist:

sein Herzstück zerfiel

unter der Last der Schlacke

 

die Riesen

die Brückenköpfe

weisen seitdem den Weg

ins Nichts

 

 


 

Als wir noch in (Dortmund-)Aplerbeck wohnten, war ich ein Kleinkind. Einen Garten hatten wir nicht, dafür eine Jahreskarte für den Westfalenpark – den ich herzlich liebte, überall Brünnchen, Sandkästen, Spielplätze, Skulpturen in Tiergestalt. Aber unser Weg führte jedesmal an der Hympendahlbrücke vorbei. Ruinen, damals noch zahlreich in Dortmund, waren ohnehin nichts für meine übersensible Seele, besonders diese kaputte Brücke belastete meine Stimmung erheblich: Meine Angst, sie könne von Unwissenden begangen werden, die dann ins Leere treten und fallen, hielt sich beharrlich über meine ersten Lebensjahre. Ich meine mich zu erinnern, dass ich sogar Schrei- und Heulanfälle hatte, wenn die Aussicht auf den wunderbaren Park wieder einmal durch das Drama dieser Brücke verdorben war.

In der Zwischenzeit, etwa sechzig Jahre sind es nun schon, hat sich an der Brücke (außer ein paar Graffiti) nicht viel verändert; an meiner Perspektive natürlich einiges. Die Brücke ist eindeutig gesichert, wovon ich mich als Kind lange nicht überzeugen ließ, und kunsthistorisch ist interessant, dass im 19. Jahrhundert sogar künstliche Ruinen die Landschaft zierten, eben weil es so romantisch ist. Mittelalterträume …

 

Und so endet mein Ruhrgebiets-Projekt hier. Geplant waren viel mehr Ausflüge, doch die Corona-Situation machte nicht alle möglich. Über siebzig Bilder sind entstanden, ein paar konnte ich verkaufen, andere werden hoffentlich demnächst in einer Ausstellung gezeigt.

Nun freue ich mich auf mein Buch Bilder aus Kohlenstaub und sage Bescheid, wenn es erschienen ist.

 

 

 

Marlies Blauth | 25. April 2021

Text und Bilder/ Foto (2) © Marlies Blauth Foto (1) Andreas Blauth