Sonntag, 22. November 2020

Gedicht [Aufbruch]

 





Aufbruch


im Omnibus

kurz vor der Endstation

änderst du deine Pläne

stehst auf

aus dem tiefen Sitz

drückst den Halteknopf

 

zischend öffnet sich

eine Tür für dich –

beim Aussteigen blickst du

über ein weitweites Feld

bist Tag für Tag

dran vorbeigefahren

 

du atmest

fragst nach dem Weg

über die Endhaltestelle hinaus

 

 

 

Text und Bild © Marlies Blauth









 

 


Samstag, 21. November 2020

Ein Engel auf dem Pflaster [Kurzprosa]

 






Ein Engel auf dem Pflaster


Ich gebe es zu: Ich bin eine lausige Urlauberin. 

Ich nehme es, wie es kommt, die Ziele sind mir weitgehend egal, Hauptsache, es sind nette Menschen dabei und ich kann jeden Stress hinter mir lassen.

Den Ehrgeiz, dass man dies und das „gesehen haben muss“, hatte ich noch nie. Ich lasse mich eher treiben, streife durchaus manche Sehenswürdigkeit, stelle allerdings fest, dass mich unbedeutende Orte und namenlose Gegenden genauso für sich einnehmen können.

So ist es zu erklären, dass persönliche Erlebnisse eher in meinem Gedächtnis hängenbleiben als das, was ein Urlaubsort gemeinhin so hergibt.

Das römische Kolosseum war für mich weit weniger spannend als das dortige Gespräch mit einem aufmüpfigen katholischen Geistlichen. Ferner verbinde ich mit Rom noch jenen stümperhaften Taschendieb, der es zwar schaffte, meinen Rucksack zu öffnen, den entscheidenden Griff in dessen geheimnisvolle Tiefen aber nicht hinbekam.

Norwegen ist für mich in erster Linie stundenlanges Herumirren in der Wildnis, nachdem ein Weg, der uns eigentlich nach Hause führen sollte, abrupt endete. Norwegen ist auch traurige Melodie, die ein blondes Mädchen, am Seeufer sitzend, auf einer zurechtgeschnittenen Papprolle flötete.

An einem Ski-Ort in den Dolomiten geriet ich in eine jugendliche Prügelei; in Den Haag flüchtete ich vor einem Unwetter und bekam in einem Museum, das eigentlich geschlossen hatte, einen freundlichen Kaffee.

Nach Finnland wurde ich mit einem Reise-Stipendium eingeladen, die abbruchreife alte Schule, die meine Unterkunft darstellte, war beeindruckend. Dort aßen wir, unserer sprachlichen Unkenntnis geschuldet, tatsächlich einmal Hundefutter, ohne es zu wissen und zu merken.


Goslar, die Weltkulturerbe-Stadt im Harz, hätte mir fast das Genick gebrochen.

Während einer Stadtführung, die uns durch die uralten Sträßchen spazieren lässt, finde ich es wunderbar, auf die vielen Details hingewiesen zu werden, die man als Passant viel zu oft übersieht. 


„Und hier, das Siemenshaus mit dem Motto über der Tür „Ora et labora“ … ein Zweig der Familie gründete Jahrhunderte später tatsächlich das Weltunternehmen Siemens …“

Wir stehen da wie Hans-Guck-in-die-Luft, die ganze Zeit schon, es macht auch Sinn, beim Schauen stehenzubleiben.

Denn: Beim Gehen muss man aufpassen. Ich habe noch nie so viele Arten von Straßenpflaster gesehen, das ständig unvermittelt wechselt, von runden Natursteinen zu Asphalt, von flachen Platten zu Kopfsteinpflaster. Viele Stellen sind abgenutzt, manche sind mit neuen, anderen Steinen ausgebessert. Wir haben uns mit dem vielzitierten passenden Schuhwerk ausgestattet, in eleganten, spitzhohen Schühchen hat hier niemand eine Chance.

Oft bin ich etwas langsamer als die anderen. Ich muss mir noch irgendwelche Ungeheuerfratzen oder frommen Inschriften ansehen. Oder ein Foto machen oder mir eine Gedichtzeile ausdenken.

Und jetzt schnell den Anschluss wiederfinden, sonst sind die anderen in einem Gässchen verschwunden, an dem ich womöglich vorbeilaufe.

Hach, geschafft. Die Stadtführerin hat gerade etwas erklärt, was ich nicht mitbekommen habe. Ich bin neugierig und sehe auf das Haus, das wirklich spektakulär wirkt mit seinen opulenten Verzierungen. Was mag die Gruppe darüber erfahren haben?
Alle wandern weiter, jetzt aber schnell! Nicht wieder hinterhertrödeln. Die Straße geht abwärts, ich halte mit, allerdings nicht ohne meinen Blick von der Häuserzeile mit den kunstvollen … und daaaaa – stolpere ich und fliege plötzlich durch die Gegend, die abschüssige Straße hinab. Fast schaffe ich es, auf meinen beiden Füßen zu landen. Aber die Muskelkraft reicht nicht ganz, ich stolpere nochmals und falle mit meinem ganzen Körpergewicht auf mein Kinn. Der Schmerz trifft mich wie ein Blitz, ich liege wie ein erlegtes Stück Wild mitten auf der engen mittelalterlichen Straßenkreuzung, ich höre die Touristengruppe Ooouuuuh raunen und mit den Füßen trappeln.

So, jetzt ist es passiert, denke ich, Kiefer gebrochen, Zahnimplantat auf Wiedersehen, Krankenhaus … bin ich überhaupt noch lebendig? Ich fingere mir am Kiefer herum.

Sofort zerren ein paar Arme an mir, um mich aufzustellen wie eine Schaufensterpuppe. So, als wäre alles wieder gut, wenn ich nur wieder in der Vertikalen bin und Normalität vortäuschen kann. Ach, wie gern würde ich noch liegen bleiben!

Irgendjemand sucht nach einer Sitzgelegenheit für mich, aber nun stehe ich ja schon. Unfreundlich nuschele ich, dass ich keinen Stuhl brauche. „Alles in Ordnung?“ werde ich lapidar gefragt, aber das kann ich doch noch gar nicht beantworten. Weiter geht’s, die Stadtführung muss im Zeitplan bleiben.

Ich taste und friemele und merke, dass mein Unterkiefer tatsächlich noch ein Stück zu sein scheint. Die Zähne schmerzen zwar sehr, wie die ganze Gegend um sie herum, sie sind aber wohl noch vollständig. Sollte es … nochmal gut gegangen sein?

Dort hinten ist eine Apotheke, jemand besorgt mir eine eisgekühlte Kompresse. Mein Kinn ist dunkelblauschwarz, sehe ich, aber dermaßen dezent an der unteren Kante, so dass ich fast noch normal aussehe.

Das kalte Schwabbelding tut gut, und ich beschließe, erstmal auf Arzt oder Krankenhaus zu verzichten.

 

Am nächsten Tag komme ich noch einmal an der Unglücksstelle vorbei und sehe, dass da ein ganzer Pflasterstein fehlt, mein Fuß muss also in der Kuhle hängengeblieben sein. Ich höre meine Mutter, wie es so viele Mütter sagen: „Guck, wo du hintrittst“. „Und bedank dich bei deinem Schutzengel“, ergänzt sie zum Schluss.

 

Erzbergwerk und Kaiserpfalz habe ich fast schon vergessen, meine persönliche Touristenattraktion bleibt der Goslarer Engel auf dem Pflaster.

 

© Marlies Blauth

Die Fotos zeigen die Neuwerkkirche (und ein Detail) in Goslar








Freitag, 20. November 2020

#Kohlestaub Tagebuch | 16

 









Ensemble aus den kleinformatigen (ca. 15 cm x 25 cm) Kohlestaub-Bildern.

© Marlies Blauth










Samstag, 14. November 2020

#Kohlestaub Tagebuch | 15

 








Stay at home – Kohlestaub im Marmeladenglas

 

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich mehr Angst vor dem Virus habe oder davor, irgendwie schuld an etwas, an einem Spreader-Ereignis, zu sein, wenn ich jetzt meine Besuche im Ruhrgebiet fortsetze. Mir schwirren Angela Merkels Worte im Ohr (sinngemäß) „Und bleiben Sie zu Hause, reisen Sie nicht, wenn es nicht dringend nötig ist.“

Was ist notwendig, was nicht? Eigentlich bin ich ganz gerne zu Hause, auf die Dauer fehlen mir die Anregungen von draußen aber sehr. Außerdem eine echte Kommunikation, nicht nur über unpersönliche Kanäle.

Meine Sprache scheint aufs Notwendige (da haben wir es wieder) zu schrumpfen, meine Ideen scheinen spärlicher zu werden. Der Kohlestaub wartet im Marmeladenglas, ich bin schwerfällig und zaghaft zugleich geworden, ein Bild anzufangen.

Oft sitze ich am Schreibtisch und schaue aus dem Fenster. Alles ist still und leer. Ich sehne mich nach lächelnden Menschen.

 


November

 

hier spricht man nicht

die Morgenwolken

sind Dämmwolle aus Blei

mit einer Zunge Regenrot

im Mund

vor meinem Fenster hasten

Maskenmenschen

in rau gekämmten

Mänteln hin zur Stadt

da wartet Arbeit – 

ich trinke Kaffee

rühre in den Stunden

und warte auf die Wiederkehr

 

 

Vor allem aber ist es wohl die Ungewissheit, die mich lethargisch macht. Planen ist unmöglich. Gerade ist die Wuppertaler Literatur-Biennale zum zweiten Mal ausgefallen, von ihrem ersten Termin im Mai wurde sie in den November verlegt, um dann letztlich doch zu Streamings (Beitrag der GEDOK, ich ab min 19) zusammengestaucht zu werden. Alle gaben sich große Mühe, aber es ist schon ein Unterschied, in die Technik zu sprechen oder zu einem anwesenden Publikum. Und dabei muss man wohl dankbar sein, dass wenigstens diese Form genehmigt worden ist.

Eigentlich wäre seit letztem Mittwoch meine Ausstellung In der Landschaft installiert, in den Räumen einer Wuppertaler Galerie. Morgen, Sonntag, würde sie eröffnet. Auch wenn sich inzwischen herausgestellt hat, dass Galerien als Einzelhandelsgeschäfte gelten und öffnen dürfen, so bleiben Vernissagen verboten. Verboten! Mit Schrecken denke ich an das kommende Jahr, ich habe Angst, dass man sich an unser Schweigen gewöhnt haben wird.

Ein bisschen anregende Aufmunterung bietet mir in diesen Tagen die Teilnahme an einem Schreibworkshop; immer wieder finde ich, auf ganz verschiedenen und verschlungenen Wegen, in meinen Dortmunder Bekanntenkreis zurück, der seine freundlichen Arme auch über das Stadtgebiet hinaus öffnet.

Meine Heimatstadt lässt mich nicht los, sondern lädt mich, mein Herz immer wieder ein.

 


ruhrgebietsstadt

 

komm zurück

sagt sie oft –

mein gold ist noch immer

in kohlepapier verpackt

versteckt

hab ich mich im keller

rissiger häuser

kehr mit mir aus

dem gesichtsfeld das schwarz

du weißt doch noch

wie das lächeln geht

auf den treppenstufen

sitzen wir barfuß

schauen

reden nicht viel

 

(veröffentlicht in: zarte takte tröpfelt die zeit, NordPark Verlag Wuppertal 2015)

 

Als wollte sie sagen: Schraub den Deckel des Kohlestaubglases wieder auf und mach weiter. Und wenn es nur etüdenhafte Skizzen sind.

 






Marlies Blauth | 14. November 2020

Text und Bilder  © Marlies Blauth

 

 


Samstag, 7. November 2020

Zwei Anthologien

 







Nein, den Preis habe ich nicht bekommen. Aber ich freue mich,
mit vielen guten AutorInnen in den beiden Anthologien vertreten zu sein.





















Sonntag, 1. November 2020

#Kohlestaub Tagebuch | 14

 

Oberhausen – Karmin und Kohlespuren






Heute gehts zum Athena-Verlag, in dem schon mein Dornröschenhaus erschienen ist. Damals, 2017, haben wir alles digital und per Telefon kommuniziert, nun passt es prima in meine Ruhrgebietstour, dass ich mich einmal persönlich vorstelle – und wir das nächste Projekt besprechen. Mit Hilfe meines Stipendiums soll ein ganz besonderer Kunstkatalog entstehen. 

Bilder aus Kohlestaub – wäre das ein passender Titel?

 

über die Bilder

meiner Erinnerung

fällt Staub

Kohlestaub

 

sie sind ein Hauch

aus Hellgrau

und wenigen Worten

 



Ich steige am Hauptbahnhof aus meinem Zug und sehe gleich: Hier in Oberhausen gibt es ganz viel Backsteinarchitektur, aus mehreren Jahrzehnten, allerdings hauptsächlich aus den 1920er Jahren („Backstein-Expressionismus“). Diese Häuser besitzen dieses ganz typische dunkle Karminrot, das – zusammen mit der außergewöhnlichen Gesamtgestaltung – immer einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt: menschenfreundlich und hermetisch-abweisend gleichzeitig. Man spürt den Aufbruch der Moderne, weiß aber auch, dass er nicht lange vorhielt.

Ich habe es eilig, vor allem, weil ich mich zunächst einmal verlaufe: am Bahnhof hätte ich gleich links abbiegen müssen. Später, nach dem Gespräch, werde ich genügend Zeit haben, mir die Häuser anzusehen. Jetzt bin ich froh, ein fotografisches Gedächtnis zu haben und den Stadtplan im Kopf, um wieder auf die richtige Spur zu kommen (mein Handy ist noch aus der Zeit der Dinosaurier). Ganz unpünktlich will ich nicht sein, weil ich das doch nie bin. Aber eigentlich verlaufe ich mich gern in fremden Städten; ich weiß auch nicht, warum das so ist. Vielleicht, weil man sie dadurch kennen lernt, so abseits der Hauptwege.

Ich nehme mir vor, am Ende meines Ruhrgebiets-Projekts jede Stadt dieser Region einmal besucht zu haben; ob ich das schaffen werde?

 


Auch an einer backsteinexpressionistischen Kirche komme ich vorbei (St.Michael, Oberhausen). Man kann merken, wann hier ein wichtiger Schub der Industrialisierung stattgefunden hat: Auch wenn hier gar keine Industriegebäude stehen, so sagen Wohn- und Kirchenarchitektur doch viel aus.

Nach einer guten halben Stunde bin ich im Verlag angekommen, mich erfreut die herzliche Atmosphäre dort. Endlich einmal lächelnde und lachende Menschen! Mit dem gebührenden Abstand darf man die Maske abnehmen, muss es sogar, wenn man den freundlich angebotenen Kaffee trinken will. Ich merke, wie gut mir das alles tut. Allerdings habe ich mit den Ruhrgebiets-Menschen ja nie Schwierigkeiten, zu mir sind sie eigentlich immer freundlich. Vielleicht haben wir ja so eine Art Gen, das man sich erwerben kann, wenn man nur lange genug dort wohnt.

Ich schaue mir vergleichbare Bücher an – mein ungefähres Konzept hatte ich schon per Mail vorgestellt –, knurre hier ein Ja, lächle dort ein Nein; wir geraten ins Plaudern, es ist einfach nett, und ich freue mich auf dieses Buch, das mich zielgerichtet arbeiten lässt.

Das Gespräch dauert länger als gedacht. Zwischendrin dudelt mein Seniorenhandy, eine Galeristin sagt die Ausstellung ab, weil ja nun alle Galerien schließen müssen.


 




Nun habe ich Zeit, durch die Stadt zu schlendern, ein paar Fotos zu machen. Jede Stadt hat ihren besonderen Charakter. Auch das Unscheinbare ist wichtig, so ist das im Ruhrgebiet: Ich schaue auf architektonische Details und freue mich.

 





Plötzlich ragt dieser Riese, das Backstein-Rathaus am Grillopark, vor mir auf: Zwanziger Jahre (fast vollständig) in Reinform!

Ich gehe weiter, finde noch dies und das (den schneckenschnörkeligen Giebel des Amtsgerichts, Neo-Renaissance, auch in Riesig), das Elsa-Brändström-Gymnasium, das Polizeipräsidium (beides, nun wieder, aus den 1920ern).

 

 










 

Endlich finde ich so etwas wie einen Stadtkern, lerne allerdings kurze Zeit später, dass Oberhausen drei Zentren hat, mit der „Neuen Mitte CentrO“ – auf einer ehemaligen Industriefläche – sogar vier. So sind die Einkaufsstraßen etwas ausgeblutet, allerdings gibt es den Leerstand auch woanders, so dass ich (ich kannte die Kritikpunkte gegen das CentrO) Schlimmeres erwartet hatte.

Ich gehe zurück zum Bahnhof, muss ihn suchen, und entdecke ein paar kleine Läden, die auf mich gemütlich-kleinstädtisch wirken. So langsam habe ich den Eindruck, dass Oberhausen seine verschiedenen, liebenswerten und interessanten Gesichter gar nicht so sehr zeigen mag – so wie die meisten Ruhrgebietsstädte. Ihr könntet so viel aus Euch machen! Gute Ansätze findet man doch schon, bitte weiter so! 


@Oberhausen: ich mag es, Dein Karminrot mit den Kohlespuren.

 






 

 

 

Marlies Blauth | 29. Oktober 2020

Text und Fotos  © Marlies Blauth






 

Mittwoch, 28. Oktober 2020