Samstag, 7. Mai 2022

#Herbarium Tagebuch | 4

 






Die Christuskirche in Bochum-Gerthe (erbaut 1909/10)

Man ist überrascht: Gerthe ist ein schnörkelloser Vorort von Bochum, einst wohl deutlich geprägt von der Zeche Lothringen, die bereits in den 60er Jahren zum größten Teil stillgelegt wurde, später dann vollständig. Geblieben ist die Lothringer Straße, an der auch die Kirche liegt.

Ja, man ist überrascht, wenn man den schlanken, eleganten Turmhelm und die liebevollen Details schon an den Außenmauern entdeckt. Sogar ornamentale Malereien gibt es draußen – und hübsche, verzierte Eingangstüren.

 







Der freundliche Küster schließt mir eine dieser Türen auf und beginnt sogleich, über „seine“ Kirche zu erzählen; zeigt mir ein vergrößertes altes Foto vom Originalzustand des Kirchenraums – ein wichtiges Dokument, das aber, im damals üblichen Schwarzweiß, die fast überwältigende Wirkung der Farbigkeit kaum wiedergeben kann.

Wie ein Gruß aus dem Paradies herrschen hier die Grundfarben Rot-Gelb-Blau(-Grün) vor – aus denen, theoretisch, alle übrigen Farben gemischt werden können –, mit hier und da goldenen Sprenkeln, die im Sonnenlicht glitzern und glimmen. Ich kenne noch das kohlenschwarze Ruhrgebiet, rußige Häuser, bei denen ein Anstrich nicht lohnte; und hier drinnen das Gegenteil: Farbe satt!




Ich habe nun monatelang künstlerisch mit Kohlenstaub gearbeitet, bis sich der heftige Wunsch einstellte, nun wieder Farbe zu benutzen. Genau daraus erwuchs das Projekt Herbarium – Florale Ornamente.

In der Gerther Kirche sind die Ornamente, die sich an Pflanzen und Blumen orientieren, selten. Dafür ist eine Vielzahl abstrakter Formen zu erkennen, vor allem Knotengebilde, Bänder, oft innerhalb von Kreisen kunstvoll ineinander verschlungen, immer wieder neu, immer wieder anders. Die Kreise wirken wie geheimnisvolle Zeichen, und in der Tat stammt ein solches Flechtwerk wohl unter anderem aus der germanischen Kunst und sollte einst Dämonen abwehren. Nun, im 19. Jahrhundert und im beginnenden 20. war das Zierende wichtiger als die ursprüngliche Symbolik, so dass man davon ausgehen muss, dass die Dämonen und ihre Abwehr hier keine Rolle mehr spielen. Aber falsch ist es ja nie, das Böse draußen zu lassen, wenn man eine Kirche betritt. Im Zentrum der Reihe steht jedenfalls ein Kreuz, das einzige, das einfach vorkommt, während alle anderen symmetrisch-doppelt vorhanden sind.




Für einige Jahrzehnte war die strahlende Farbigkeit des Raums getilgt worden. Wie so oft, war die Renovierung nach Kriegszerstörungen eine vereinfachende: Die Ornamente wurden übertüncht. Sicher stand die Frage des finanziellen Aufwandes dahinter, die 50er Jahre hatten allerdings auch so viel „Bauhaus“ absorbiert, dass sie das Ornament so bewusst wie vehement ablehnten. Allein auf ein – neues, jetzt noch immer vorhandenes – Gemälde auf der Altarwand wollte man nicht verzichten.

Es gibt einen Vortrag von Adolf Loos, Ornament und Verbrechen, von ca. 1910, also just aus der Erbauungszeit der Kirche. Ja, wir können gut nachvollziehen, dass er sich für eine Trennung von Funktionalität und künstlerischer Ausgestaltung stark macht, denn nicht jeder Gegenstand muss zum Zierrat werden – form follows function, so hieß es sogar schon einige Jahrzehnte früher. „Ornament ist vergeudete arbeitskraft und dadurch vergeudete gesundheit“, heißt es bei Loos.

Nimmt aber diese strikte Zweckmäßigkeit nicht doch das „Seelenvolle“ weg, nach dem sich der Mensch in seinem alltagspraktischen Leben hin und wieder sehnt? Architektur ist nicht austauschbar wie ein Gebrauchsgegenstand, sondern beherbergt menschliches Leben; liebevoll ausformulierte Details können Individualität ausstrahlen, ja tröstlich wirken.

Ich denke an Friedensreich Hundertwasser, der Hausfassaden so untergliederte, dass sich die einzelnen Wohnungen deutlich voneinander unterscheiden lassen (verschiedene Fenster, Vielfarbigkeit, Verzierungen). Man muss ihn nicht mögen, ich bin da auch mitunter skeptisch, aber sein Anliegen, mit spielerischer, fröhlicher Gestaltung dem Menschen Architektur und das Wohnen darin gleichsam anzubieten, finde ich großartig.

 






Der Küster berichtet mir weiter, wie man lange ahnte, dass unter der weißen/ elfenbeinfarbenen Schicht „etwas war“. Hin und wieder meinte man, geheimnisvolle ornamentale Schatten zu sehen, aber „niemand traute sich da heran“, vermutlich auch den immensen Aufwand fürchtend, der dem Kratzen an der Oberfläche folgen könnte.

Wie in vielen Fällen, griff auch hier der Zufall ein – hier in Form von Posterstrips, mit denen eine Dekoration installiert war. Beim Abnehmen, so der spannende Bericht, blieben weiße Stücke daran hängen, und es ergab sich ein allererster Eindruck von der Farbpracht darunter.

Was dann kam, lässt mich staunen: Die Gemeinde entschied sich für eine historisch korrekte Restaurierung (man hatte ja besagtes Foto noch). Wenn man sich vorstellt, wie der Restaurator zentimeterweise mit dem Skalpell die verborgenen Schichten freilegt, ahnt man den Umfang des Projekts, das erst 2007 abgeschlossen war: Eine Sehnsucht nach Farben, die Kosten und Mühen weniger wichtig nimmt als sich selbst.

Kürzlich sagte mir jemand: Manchmal fängt man an zu frieren, wenn man eine (v. a. evangelische) Kirche betritt.

Nein, hier muss man nicht frieren, sondern wird umfangen von Formen und Farben. Die Seele will ein Zuhause – und das sollte sie, tatsächlich, in einer Kirche finden.



 

 

Marlies Blauth | 3. Mai 2022

 Text und Fotos © Marlies Blauth





















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