Montag, 28. August 2023

#Herbarium Tagebuch | 21

 





Ockergold und Taubengrau – Art Déco in Osnabrück

Die Lutherkirche in der Südstadt


„Wieviele Kirchen musst du denn noch?“, werde ich manchmal gefragt. Was aber heißt hier müssen? Ich hatte das große Glück, (m)ein Thema frei wählen zu können, und mein Interesse ist tatsächlich immer weiter gewachsen, beileibe nicht geschrumpft – auch wenn das eigentliche Projekt längst „offiziell“ beendet ist. Da ich mehr Zeit zur Verfügung habe, kann ich nun auch Kirchen ansehen, die etwas weiter entfernt liegen; wie schön! Auf meinem „Zettel“ steht, neben ein paar weiteren, die Lutherkirche in Osnabrück.




Ich erlebe gleich schon Freundlichkeit; vor einer längeren Anfahrt will ich natürlich sicherstellen, dass ich in die Kirche auch hineinkomme. So mache ich mit einem freundlichen Herrn per Mail ein Datum mit Uhrzeit aus und erhalte auch gleich schon eine Fotoerlaubnis.








Freundlich ist auch die Kirche: ihre Tür steht einladend offen, ihr Innenraum umfängt die Besucher mit sanften Goldtönen. Nicht opulent glitzernd, sondern in Ockertönen, gegen die zarte blaugraue Nuancen hier und da violett wirken.

Florales ist hier wenig zu finden; die abstrakten Art Déco-Formen überwiegen deutlich. Wenn man aber genau hinschaut, entdeckt man doch ein paar Blüten und Blätter. Und: Schnecken! Das sind keine Pflanzen, nein, aber ihre Gestalt lässt doch viel Interpretationsspielraum zu – vom tierischen spiraligen Häuschen über pflanzliche Ranken bis hin zur Unendlichkeit der Spiralform. Christus, der Auferstandene, der Weltenherrscher, der Segnende (die einzige figürliche Darstellung, in der Apsis) ist umgeben von symbolischer Unendlichkeit, ja geradezu darin eingebettet. Dabei sind die Schneckenformen so dezent, dass man zweimal hinsehen muss, um sie zu sehen.











Ornamentale Bänder selbst könnte man währenddessen genauso als Hinweis auf das Unendliche ansehen, denn sie besitzen ja weder Anfang noch Ende; in „verlässlicher“ Folge des Gleichen oder Ähnlichen winden sie sich durch den Raum und, vielleicht, in unserer Vorstellung auch weiter. Was zeitweise als überflüssige Dekoration abgelehnt wurde, spricht nicht nur zu unseren Sinnen, sondern kann auch eine starke symbolische Aussage haben.

Auch diese Wandmalerei ist zeitweise übertüncht gewesen; wir kennen es schon. Die 1950er Jahre wollen schnörkellos sein, ihre hellen Farben oder überhaupt die Vorliebe für Weiß sehe ich immer als Zeichen für den Neuanfang, makellos und rein.




Nur ist ein Raumkonzept mit Ausmalungen immer als ein Gesamtkunstwerk gedacht, und wenn Farbe und Ornament fehlen, wird das Fehlen eben auch deutlich spürbar. Die Lutherkirche blieb vor Kriegszerstörung weitgehend verschont, so dass – außer den Fenstern – die Originalausstattung erhalten blieb. Dann wird die „Störung“ durch einfarbig helle Wände, wie sie nie vorgesehen waren, umso deutlicher. Jedenfalls hat man auch hier den Originalzustand wiederhergestellt (1989) – zum Glück.

 





Für meine Fotos räumt eine freundliche Dame das Putzzeug, das sie bis dahin benutzt hat, aus dem Bild. Eine andere kümmert sich um den Verkauf der kleinen Kirchenbroschüre an mich, obwohl sie eigentlich nicht zuständig ist dafür (ich holte sie aus der Küche – die diese Kirche auch besitzt).

Ein zweiter Fotograf kommt (das heißt: ich bin ja keine Fotografin, dokumentiere nur ein bisschen) – er macht die verrücktesten Verrenkungen, um an – zweifellos interessante – Fotos zu kommen. Wir lächeln uns freundlich an.

Ja, so soll Kirche sein: „ … sehet, wie freundlich Gott ist!“ gilt auch außerhalb der Abendmahlsliturgie.

 

 





Marlies Blauth | 28. August 2023

Text und Fotos © Marlies Blauth








 

Keine Kommentare: