Liebe Mama,
als ich vor ein
paar Tagen überlegte, was ich Dir diesmal für einen „Brief“ zum Geburtstag schreibe
(Du würdest in diesem Jahr 96 Jahre …), hatte ich so etwas im Kopf wie: Diesmal
nur kurz. Ich möchte Dir einfach danken, dass Du mir immer wieder gezeigt hast,
wie man sich im Alltag „fröhlich durchwurschteln“ kann, wie sich bei den
allermeisten Unbilden eine Lösung findet, wie man die Zuversicht nicht
verliert.
Und dann kam,
sozusagen wie gerufen, ein aktuelles Beispiel hereingebröselt, bei dem ich
genau das tun müsste: mich fröhlich durchwurschteln. Wie stelle ich es an? Wie
lege ich meine Enttäuschung an die Leine und aktiviere mein Lachen über sonderbare
Zeitgenossen? Noch kann ich es nicht.
Früher hätten wir
einen Tee zusammen getrunken oder ein Bier, Du würdest einen Witz erzählen
(weißt Du noch? „Überfährt’n Mann’n Huhn“ … oder wie Du mal das alberne Lachen von
Pastor E. imitiert hast), zwischendurch allerdings auch mahnen: Komm, es gibt
Schlimmeres! Du hast’n Dach überm Kopp und genug zu essen!
Würdest aber auch
sagen: „DAS gehört sich wirklich nicht!“.
Was war denn überhaupt? Ich sehe mich wie ein zerfleddertes Hühnchen am Küchentisch sitzen und erzählen. Eine zweite Tasse Tee – und los.
Ich hatte doch ein Bild gemalt, das Stahlwerk. Du findest es etwas
heftig, ich weiß, hast sogar gemeint: Na ja, es gibt schönere Bilder von dir! –
aber Dein „Geschmack“ ging ja immer in Richtung Schöne Farben! oder so. Zur
Kunst hattest Du nie eine Direktverbindung.
Na ja, jedenfalls freute ich mich wie eine Schneekönigin, dass dieses Bild – mit Kohle gemalt – in die aktuelle Ausstellung einjuriert wurde.
„Brauchst du denn eine Jury? Du bist
doch schon so lange dabei“, fragst Du. Ja klar, antworte ich, eine Jury muss ja
nicht nur die Spreu vom Weizen trennen, sondern auch schauen, dass die Zahl der
Bilder (oder Quadratmeter!) zur Ausstellungsfläche passt. So haben sie ein ziemlich
großes Bild von mir abgelehnt, mit dem ich selbst nicht ganz zufrieden war. Das fand
ich absolut nachvollziehbar und nicht der Rede wert.
„Ja, und dann?“ – Ich gieße mir einen Schwaps Sahne in den Tee. Teeschalen. Hat
die heute noch jemand?
Ich bekam die
Information, dass mein Stahlwerk und zwei kleinere Arbeiten – noch ein
Stahlwerk und eine etwas melancholische Ruhrgebiets-Ansicht – angenommen sind.
Und ich freute mich. Es würde toll aussehen. Die Vernissage ist übrigens an Deinem
Geburtstag!
Vor wenigen Tagen bekam
ich die Preisliste der Ausstellung zugeschickt, zum „Drübergucken“. Meistens
stimmt ja alles. Ich danke an dieser Stelle herzlich den Kolleginnen und Kollegen,
die so eine „Fisselsarbeit“ übernehmen. Ich selbst bin mit meinem
Kirchen-Kunst-Projekt leider so beschäftigt, dass ich mich woanders etwas rar
machen muss.
Ja, die Preisliste. Ich bat um Vervollständigung, denn mein – großes – Stahlwerk
fehlte.
Etwas später erhielt
ich die sonderbare Info, dass dieses Bild „rausgenommen“ wurde, dass die
Kollegin mit der Preisliste allerdings nicht sagen kann, warum. HÄ?? „Sag nicht
immer ‚hä‘, das ist blöd (Dein Originalton!). – Ist das denn üblich?“, fragst
Du interessiert.
Nein, natürlich ist das nicht üblich – das ist es ja gerade, was meine
Seele so annagt. Ein akzeptables Procedere wäre gewesen: Angenommen unter
Vorbehalt. Vielleicht haben wir nicht genügend Platz. Oder: Das Bild ist
so „laut“, dass wir noch nicht wissen, ob’s passt.
Aber das sind ja
nur Gründe, die ich mir (aus-)denke, die wirklichen kenne ich gar nicht. „Wie?
Bis heute hat dir niemand Bescheid gesagt?“ Genau. Ich weiß überhaupt nichts.
Nur, dass das Bild im Abstellraum verschwunden sein muss – hoffentlich einigermaßen
sensibel hingestellt und nicht so, dass sich eine Ecke der Akkuschrauberkiste
in die Leinwand bohrt. Oder so.
Keiner der
freundlichen Kolleginnen und Kollegen hat es für nötig gehalten, sich bei mir
zu melden. Ach ja, man muss ja heutzutage immer noch Nachrichten trommeln oder
Boten zu Pferde schicken; das vergesse ich immer.
Es war wohl mal wieder an der Zeit für so kleine bescheuerte Erlebnisse. Was scheinbar rund läuft, kann immer noch anfangen zu eiern. Den Tag nie vor dem Abend loben!
„Sehr richtig“,
sagst Du, „der Teufel sitzt im Detail!“
Ja, das habe ich von
Euch gelernt: Sich an Kleinigkeiten freuen, aber bitte nicht überschnappen,
wenn sich eine Zeitlang alles glücklich fügt. Ein kleiner Strich durch die Rechnung,
und die Laune kann schnell in den Keller sausen.
„Hier!“, lächelst Du und schiebst mir eine Schüssel hin, „ein Trostpudding“. Erfreut nehme ich mir davon eine Portion und nuschele: „Ah, jetzt weiß ich wo ich mein Stahlwerk ausstellen werde. Ist leider noch was hin … aber da wird es gut passen!“
„Siehste. Aber was
für eine Kombi! Vanillepudding mit Apfelmus …“
Marlies Blauth, zum
1. März 2026
1 Kommentar:
Du hast es doch gar nicht nötig, Dich über so etwas zu ärgern.
Klar, so etwas macht man nicht. Und die Aussteller antworten eben deshalb nicht, weil sie das wissen und zu klein sind, das offen zu kommunizieren.
Eben deswegen ist das ihr Problem und nicht Deins. Schreib Ihnen einen launigen Brief in denen Du Deiner Verwunderung über dieses Gebaren Ausdruck verleihst und gut ist. Die Welt ist nunmal nicht mit Charakterriesen übervölkert.
Helmut Brodt
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