Samstag, 15. Januar 2011

Blau: Linolschnitt mit Malerei






Blau, 2009. Linolschnitt kombiniert mit Malerei, 50 cm x 120 cm 






Paradiesgärten

Vor einigen Jahren sagte einmal ein Kollege etwas verächtlich, er halte den Holzschnitt (und damit wohl auch den Linolschnitt) für einen Anachronismus.
Natürlich irrte er sich; denn eine künstlerische Technik an sich kann niemals unzeitgemäß werden. Wesen der Kunst ist es ja nun gerade, mal mehr, mal weniger Traditionelles ins Heute zu transponieren. Heißt: Jede künstlerische Technik erlebt Niedergänge, wenn sie vorerst ausgeschöpft erscheint, und Renaissancen, wenn man sie in neuen Zusammenhängen entdeckt und präsentiert.
Allerdings wird die Druckgrafik noch immer vielfach als Möglichkeit gesehen, Kunst in einer bestimmten Auflage zu schaffen. Dieses Anliegen halte ich in der Tat für weniger zeitgemäß, zumal wir noch nie dermaßen viele Reproduktionstechnologien zur Verfügung hatten und die manuellen Verfahren folglich stärkstens an Bedeutung verloren haben.
Abgesehen davon, dass Holz- und Linolschnitt ganz eigene ästhetische Qualitäten haben, stellt sich doch hin und wieder die Frage, warum man eine ursprünglich zur Reproduktion erdachte Technik benutzt, ohne die Reproduktion wirklich zu wollen.

Diese Unstimmigkeit hat mich, ehrlich gesagt, für einige Jahre von der Druckgrafik abrücken lassen - ich habe zeitweise nur noch gemalt.

Dann aber erinnerte ich mich an die allerälteste Hochdrucktechnik, den so genannten Zeugdruck - dabei wurden, lange vor Gutenberg, Textilien manuell mit kleinen Holzmodeln bedruckt. Dieses Bedrucken von Flächen interessierte mich plötzlich, vermutlich deshalb, weil der “reproduktive” Aspekt dort doch wieder zum Zuge kommt. Da mir das Drucken per Hand mit Linoleum leichter fiel, entschied ich mich für dieses Material (das man im Mittelalter natürlich noch nicht kannte; Linoleum ist ziemlich genau 150 Jahre alt). Im Anfang bedruckte ich tatsächlich Baumwolle und Leinen (Keilrahmen), fand dann aber bald heraus, dass “mein” Material, die Hartfaser, durchaus genauso gut als Bedruckstoff geeignet ist.
Mit den unterschiedlichsten Farbmaterialien - Ölfarbe, Acrylfarbe, speziellen Farbmischungen mit Gips, Erde usw. - schuf ich eine Vielzahl von jeweils variierenden Druckbildern; und diese Varianten brachten mich wiederum zum Themenkomplex NATUR. Dort haben wir eine Fülle von ähnlichen (aber eben nicht gleichen), wieder erkennbaren und benennbaren Formen und Erscheinungen. Plötzlich waren Inhalte und Methode für mich von einer überwältigenden Stimmigkeit, und eine ganz neue Art zu arbeiten begann. In diesem Arbeitsprozess entstand dann die Idee, das Thema “Paradiesgärten” anzugehen. Die Botanik spielte innerhalb meines Biologie-Studiums eine besondere Rolle, und der Garten ist für mich Hort der Kindheit (Hortus heißt ja auch Garten) - meine Großmutter hatte einen Garten mit alten Obstbäumen und Buxus und natürlich dieser verschrobenen Wasserpumpe mit ihrer sonderbaren Gestalt, die quietschend und blubbernd zum Quell des Lebens wurde. Mein Vater war nicht nur Musiker und der Allererste, der meine Kunstambitionen ernst nahm und mich entsprechend motivierte und förderte und mir manchen Rat mitgab, er war auch leidenschaftlicher Gärtner und konnte sich kaum sattsehen an der Metamorphose der Natur. So kommt es, dass der PARADIESGARTEN für mich in der Kindheit fast schon existent war und ich die Sehnsucht, die mit diesem Begriff verknüpft ist, besonders deutlich im Herzen habe.
Und so haben meine Bilder vielfach eine “meditative” Komponente, die ich als ausgewogene Ruhe/Dynamik-Beziehung verstehe. Das ist wiederum ein Grund dafür, dass die Arbeiten vielfach in Kirchenräumen zu sehen sind, ohne in irgendeiner Weise sakrale Kunst sein zu wollen. Aber ganz sicher ist der Glaube an einen Schöpfergott und einen inspirierenden kreativen Geist wieder zu finden.

Nun fehlen noch ein paar Worte zur FARBE. Die Welt war für mich von Anfang an ein Konzert von Farben. Mit Bleistift zu zeichnen, war mir eine Quälerei, die ich mir im Studium leider genauso antun musste wie schwarz-weiße Holzschnitte. Farbe war irgendwie immer etwas für Fortgeschrittene - und für mich doch so elementar. Das konnte nicht zusammen passen.
Als Schülerin hatte ich bereits den Einfluss von Farbe auf den Menschen erkannt - ich merkte, dass ich in bestimmten Disziplinen am besten mit den “passenden” Farben (Kleidung) denken und formulieren konnte. Dass Zahlen, Daten, Namen, einfach alles mit Farbe besetzt war, verstand sich für mich als Synästhetikerin von selbst, nur kannte ich lange weder das Phänomen noch die Begrifflichkeit. Überall wurden für mich Farbsymphonien aufgeführt, etwas, was ich durchaus als “paradiesisch” empfunden habe. Daher ist auch die künstlerische Arbeit ein Stück Paradies - wenngleich die Disziplin, die es beispielsweise erfordert, 3 Tage lang eine Fläche mit kleinsten Linolplättchen zu bedrucken, auch erdenschwerer Alltag sein kann.

Es ist mir ein Anliegen, Farben gleichsam zum Leuchten zu bringen oder auch ins richtige Licht zu setzen, durch Untermalen, Überdrucken, Unterdrucken, Übermalen und die Auswahl der richtigen Nachbarfarben. Farben, die sich nebeneinander befinden, verstärken sich oder schwächen sich in ihrer Wirkung ab; das nennt man dann Simultankontrast. Man kann auch sagen: Die selbe Farbe sieht in unterschiedlicher Umgebung jeweils anders aus.

Überhaupt kommt es, in der Kunst wie im Alltagsleben, immer wieder auf Zusammenhänge und Zusammenklänge, Proportionen und Relationen an.


M. B. 2009







1 Kommentar:

Petra M. Hänsch hat gesagt…

Oooooooooh, solche Texte liebe ch natürlich!

Danke

P.