Freitag, 30. Oktober 2015

"Du sollst nicht Weihnachten sagen"



Du sollst nicht Weihnachten sagen



Ob jetzt ein Spaziergang vernünftig ist?

Eigentlich müsste ich Kontakt mit meiner Arbeitsvermittlerin aufnehmen. Sie wird jetzt meine merkwürdige GPS-Spur verfolgen und damit nichts anzufangen wissen. Fragen wird sie stellen, auch die, warum ich ausgerechnet durch die Paul-Gerhardt-Straße laufe; es gäbe doch bessere, schönere Wege.

Ich gehe ohne Ziel. Um diese Zeit arbeiten fast alle, die Kinder sind gut untergebracht, die Alten sitzen zu Hause oder in ihren Heimen; kaum jemand begegnet mir, es ist ruhig hier draußen, schönes Wetter, wenn auch ein bisschen kalt. Egal, ich habe meine Mütze mit, falls es mir am Kopf zu kühl wird.
Ich denke daran, dass ich keine private Arbeitslosenversicherung abgeschlossen habe. „Selbst schuld!“ sagt mir jetzt jeder dazu. Ja, ich habe es verschwitzt. Meine Stelle schien mir sicher, mein pädagogisches Examen sah ich im übrigen als Dauereintrittskarte dafür, jederzeit neu in Schulen und Kindertagesstätten eingestellt zu werden. Nun habe ich allerdings jene Art Kündigung erhalten, mit der ich keine Chance mehr habe: „Sie hat die Kinder indoktriniert!“

Ja, es hatte Mahnungen und Verwarnungen gegeben; ich hätte mich besser konzentrieren müssen, ich sehe es ein. Einmal hatte ich „Weihnachtsgeschenk“ gesagt – ogottogott, dachte ich (hab’s aber wirklich nur gedacht!), jetzt ist es heraus, ich kann es nicht mehr zurück nehmen. „Was ist das?“ fragte Thomiso. Ich stotterte herum, dass man sich zum Familienfest gern mal was schenkt, und dass man es früher einmal „W…“ genannt hat.

„Wir weihen hier nichts“, kritisierte mich mein Chef ungehalten und schob mich ins Lehrgangszimmer: Auf einem Tisch ein großer flacher Bildschirm mit blinkender Tastatur, davor ein Stuhl. Mal wieder –  Sprachnachhilfe:

Himmel = Weltall
Gott sei Dank = Glück gehabt
er/ sie ist ein Segen = er /sie ist zu gebrauchen
Sterne sind Himmelskörper und haben alle einen Namen!

Also machte ich den Lehrgang noch einmal. Leergang. Leergespültwerden von allem, was nach Bekenntnis riecht. Hoffnung = Abchecken der Chancen.

„Meine Oma hat gestern ihre Nullwerte erreicht“, erzählte Liaba. Ja, so sagt man es richtig. Dann wird man verbrannt und kommt auf die Sondermüllstätte. Seit fünf Jahren wird dafür ein Name gesucht, aber alles, was vorgeschlagen wird, klingt zu pietätvoll. Also sagt man bis heute Sondermüllstätte – es ist doch wie es ist, was soll man Unschönes beschönigen.

Da fällt mir ein: Als meine Kinder noch kleiner waren, fanden sie es spaßig, in meinen Gartenbeeten zu graben. Ich protestierte jedes Mal, konnte aber gut verstehen, dass es spannend war, hin und wieder Knochen und Schädel zutage zu fördern – denn unser Haus ist auf einem ehemaligen Friedhof gebaut. „Ja, so war das im Mittelalter,“ sagten die kleinen Archäologen dann, spülten die Erde von ihren knöchernen Funden, um sie schließlich mit Leuchtfarbe anzusprühen. „Fürs Gruselfest,“ freuten sie sich.
Zwei Feiertage ranken sich um die Gruselnacht des 1. November, einer zum Einkaufen von Gruselkram, einer zum Aufräumen der Gruselreste.

Eigentlich hätte man durcharbeiten sollen, nachdem die Sonntage zu Werktagen umgewidmet worden waren, doch um dem Burnout Einhalt zu gebieten, wurden dann doch wieder ein paar gesetzliche Feiertage eingerichtet. Daneben gibt es die 52 FreiTage, an denen jeder mindestens vier Stunden sportlich aktiv sein muss. Den Verweigerern wird anschließend ein doppelter Krankenkassenbeitrag abgebucht, und beim nächsten Arztbesuch werden unangenehme Lehrgangsfragen fällig.

Ein Spaziergang, wie ich ihn gerade mache, zählt natürlich nicht. Aber es ist ja auch nicht FreiTag.


Vor gut zehn Jahren war zu vernehmen gewesen, dass es das Anliegen aller Bürger sei und sein müsse, eine religionsfreie Kultur aufzubauen. Religion sei, wenn überhaupt, nur noch Privatsache. Wir bekamen neue Arbeitsverträge, wurden angewiesen, vernünftig zu denken, vernünftig zu handeln und den Kindern vernünftig zu berichten, ihnen niemals ein X für ein U vorzumachen und alles, was nicht beweisbar und erklärbar war, zu tilgen. Anfangs schien das nicht schwierig. Im November wurden dann eben Lampenschirme für den Winter gebastelt, und es war nicht falsch, hin und wieder zu erwähnen, alte Klamotten am besten weiterzuschenken, auch wenn arme Menschen ja eigentlich selbst schuld an ihrer Lage sind.

Der Vatertag im Frühling ist sehr beliebt, man trinkt gleich schon am frühen Morgen auf die Tatsache, dass er niemals auf einen FreiTag fällt und dass man an diesem Tag munter seine Gesundheits-App abschalten darf, ohne dass es Abzüge auf dem Konto gibt. Was aber ein „beweglicher Feiertag“ ist, weiß keiner; ich finde das etwas komisch, weil wir ja eigentlich nur Erklärbares weitergeben dürfen. Vor jedem Vatertag hoffte ich, nein, checkte ich meine Chancen ab, dass kein Kind danach fragt. Fragen fürchtete ich auch immer zum Gruselfest, das ja trotz allem kath- äh irisch kelt- äh Wurzeln hat und eigentlich sehr unvernünftig ist.
Das Familienfest einige Wochen später ist da noch am einfachsten zu umreißen, wäre da nicht der ständige Streit wegen der Gesundheits-App – muss man sie eingeschaltet lassen oder nicht? Mein Chef war sehr dafür und raunzte mich einmal an, weil er nicht sehen konnte, wieviel Kilo Gans ich zum Familienfest gekauft hatte.

„Hallo?“ meldet sich meine Arbeitsvermittlerin übers Handy, „heute ist kein FreiTag, was laufen Sie eigentlich in der Gegend herum? Wir müssen noch darüber sprechen, warum genau Sie fristlos gekündigt wurden.“ Ich sage „hoppala!“ und werfe das Handy in eine Pfütze, denn irgendwie ist es mir zu kompliziert zu erklären, warum ich nicht mehr arbeiten darf.
Aus ganz heiterem Weltall war es gekommen, ganz schnell war es gegangen, dass mein Chef verkündete: “Elisabeth – der Name ist sowieso ganz blöd! –, wir haben unsere Wetterstation! Mir reicht dein missionarisches Getue jetzt endgültig!“

Denn ich hatte zu einem Kind gesagt: „Ich glaube … es regnet gleich, setz‘ lieber schon mal deine Mütze auf.“


© Marlies Blauth


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