Dienstag, 11. Oktober 2016

Kurzprosa: Widerspiegeln









Widerspiegeln


Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich – dich.
Du schaust mich an, deutlich gealtert, manchmal stimmungsgedrückt, trotzdem noch immer den Schalk in den Augen. Der bleibt – bis zum Schluss.

Ich habe, wie so oft, schlecht geschlafen. Wie du … und deine Mutter und deine ältere Schwester. Das liegt in der Familie, fast alle Frauen sind betroffen. Gedankenmäuschen, schrieb ich in einem meiner Gedichte, die über die Herzbrücke laufen, die ganze Nacht. Einmal gabst du zu, dass du mir – auf Anraten anderer – Contergan eingeflößt hattest, als ich noch ganz klein war. Wie muss man sich als Mutter gefühlt haben, als der Skandal öffentlich wurde!

Dieses ständige Hase-und-Igelrennen zwischen dem Annehmen eines Rats und eigenem Entscheiden … Ganz oft hast du mir erzählt, dass dir Menschen, nahe und ferne, ins Leben hineinreden wollten, wegen irgendwas mahnten, vom Abstillen quatschten oder die Bauchlage priesen, überhaupt alles wussten, Ernährung, Erziehung, Erfolg, Erfahrung.

Es war so schwer, die eigenen Vorstellungen zu leben, sagtest du. Heute würde ich vieles anders machen.
Ich möchte sagen können: Fast alles würde ich noch einmal genauso entscheiden. Alles daran zu setzen, das habe ich von dir gelernt! Irgendwann hast du mich dafür bewundert, beneidet. Ich muss dir sagen: Es war nicht einfach. Du wolltest immer, dass ich freier aufwuchs als du, aber die anderen waren übermächtig, der Nachhall ihrer Mahnungen hielt sich Jahrzehnte, und du warst eine ihrer Marionetten, mit mir an der Hand.  

Zuletzt wollten sie ein Kreuz für dich auf der Todesanzeige, weil das so üblich ist
du hast keins haben wollen, nein, auf gar keinen Fall. Ich hätte dir einen Frosch oder einen Hampelmann drauf gesetzt, wenn du das gewünscht hättest.
Streit, wo keiner hingehört. Ich habe Wuttränen geheult für dich. „Zimperlich,“ sagte die Tante.

Nach dem Begräbnis, nach der Haushaltsauflösung – mit der Spitzhacke Kindheitsjahre zerstören, du weißt –, bin ich ganz leise gegangen, ich ertrug die Enge nicht länger.

Wenn ich jetzt in den Spiegel blicke, sehe jedesmal dich – und mit deinem schalkhaften Lächeln stimmst du mir zu.





Bild und Text © Marlies Blauth

Kommentare:

Michael Hermann hat gesagt…

Liebe Marlies, nun kenne ich ja Deine Geschichte ein wenig und könnte Dich umarmen, bei diesem Text.
Es war, was war und es ist wie es ist - manchmal möchte man morgen vieles anders machen. ... doch die Vergangenheit geht irgendwie nicht aus dem Kopf.
Alles Liebe,
Michael

Marlies Blauth hat gesagt…

Danke, Michael. Dieser Text entstand in einer Schreibwerkstatt - Thema: im Spiegel.
Und ja, ich sehe meiner Mutter immer ähnlicher, das fällt mir bei jedem Blick in den Spiegel auf. Hier eine Skizze der Gedanken, die mir dann manchmal durch den Kopf gehen.