Samstag, 17. November 2018

KünstlerIn sein. Was für ein Aufwand. [Glosse]










KünstlerIn sein. Was für ein Aufwand. 




Hach! Ich wollte immer schon mal was zu Ausstellungsbeteiligungen, Jurierungen und Gedöns schreiben. Nun ergibt es sich gerade.


Als mir gestern jemand diesen Zeitungsartikel (leider schon nicht mehr verfügbar) über eine aktuelle Ausstellung schickte, las ich ihn natürlich mit Spannung, zumal ich an der Vernissage nicht teilnehmen konnte. Und eitel ist man ja immer, hofft ein Sekündchen lang, vielleicht an einer klitzekleinen Stelle kurz gewürdigt zu werden. Diese Wunschvorstellung ist aber natürlich Blödsinn, wenn man genau ein Zweiundfünfzigstel zur Ausstellung beiträgt, und das auch noch in Gestalt einer eher kleinen, grautonigen Arbeit.
Es ist klar, dass eine Ausstellungsbesprechung nicht jede und jeden ins Boot holen kann, sonst würde der Artikel ja zu einem tabellenähnlichen Monster.

Die überaus kritische Distanz zu uns „Auswärtigen“ (Teilnehmenden) ist allerdings auch alles andere als fair. Mein Fazit: Man sollte es sich vielleicht doch gut überlegen, seine Kunst in die Provinz zu expedieren.
Wobei ich natürlich selbst in der Provinz wohne und arbeite. Aber hierhin werfen wenigstens einige Großstädte ihre Schatten, so dass ich schnell mal tschüs sagen kann, um mich in größerer und freierer Umgebung auszutoben.
Ohne diese Aussichten würde ich vermutlich verzweifeln.

Denn ich kenne sehr gut, was in jenem Artikel anklingt: Den Versuch, die ländliche Übersichtlichkeit ein wenig auszuschmücken, indem man überregionale KünstlerInnen anspricht und einlädt, obwohl man ähnliche Qualität umstandslos frei Haus bekäme. Die Einheimischen fühlen sich, nicht zu Unrecht, oft übergangen.

Ich habe die rezensierte Ausstellung noch nicht gesehen, bin allerdings schon darauf angesprochen worden. Mein Bild sei, so hieß es, ziemlich ungünstig platziert, an ’nem Treppenaufgang oder so. Und überhaupt sei alles eng, auch für die anderen. So kann ich mir gut vorstellen, dass diese Ausstellung auf den kritischen (und noch dazu schreibenden) Betrachter nicht optimal wirkt.

Aber wir, wir „Auswärtigen“, können bitte nichts dafür. Es ist ja auch (meist) nicht üblich, bei der Hängung mitzureden. Das würde in Diskussionen ausarten, die nur Zeit rauben und niemandem weiterhelfen. Der „Hausherr“ kennt seine Räume ohnehin besser als die Gäste.

In allerlei Hinblicken müssen wir uns fügen: So hatte ich beispielsweise eine Serie eingereicht, von der nur eine Arbeit angenommen wurde. Wie gut meine Kohlenstaub-Serie „rüberkommt“, habe ich diesen Sommer in einer Museumsausstellung gesehen, wie doof ein Einzelbild aussieht, wenn es irgendwohin gequetscht wird, weiß ich auch. So wird schnell deutlich, dass wir auch „nur mit Wasser kochen“, wie uns im Artikel vorgeworfen wird. Tja, isso. Aber auch ich würde mir natürlich wünschen, dass eine Ausstellung so konzipiert ist, dass sich die einzelnen Arbeiten gegenseitig verstärken, anstatt zu konkurrieren oder einander zu stören.

Hat also offenbar nicht so ganz geklappt. Traurig für die BetrachterInnen – aber traurig auch für uns. Was sich nämlich viele gar nicht klar machen: Es gehört viel Aufwand dazu, sich an Ausstellungen zu beteiligen.

So sehr ich Jurierungen begrüße (die Rechnung im Artikel, dass gerade mal je 22 sec für jedes Bild blieben, um über dessen Wohl und Wehe zu entscheiden, fand ich übrigens sehr interessant), so sehr ich also begrüße, dass nicht jede/r mit „irgendwas“ dabei ist, so aufwändig ist es, die Jury-Vorgaben zu beachten und zu erfüllen. Es kostet alles … Zeit und Geld.

Am Anfang steht: Fotos machen, klar. Die hat man nicht immer vorrätig, denn in vielen, fast allen Ausschreibungen dürfen die eingereichten Arbeiten nicht älter sein als zwei Jahre – warum das so ist, hat sich mir noch nicht erschlossen, zumal für eine Anmutung „von gestern“ die Jury doch ihr Nein vorrätig hätte?
Also: Von der allerfrischesten Ware hat man vielleicht noch gar keine Fotos. Richtige Belichtung, Beleuchtung, Ränder abschneiden, vorgeschriebene dpi-Zahl … alles nicht so schlimm, aber es kommt ja noch einiges mehr. Ausdrucken oder ausdrucken lassen. Gut, ich kauf dann eben noch Shampoos oder Tempos im D-Markt oder Rossmarkt, wenn ich ein Labor involviere. Aber Zeit frisst es auch.
Dann sollen die Arbeiten in Form eines Kurztexts beschrieben werden. Umfang soll mindestens soundsoviel, höchstens eine A4-Seite (oder so) sein. Ebenso die Vita (gut, die hat man im digitalen Zeitalter parat, aber … aktualisieren, den Umfang angleichen usw.)

Und bitte nicht den ausreichend frankierten Rückumschlag vergessen, der an sich schon glossenreif wäre: In vielen Texten steht, dass ohne dieses Ding die Bewerbung nicht berücksichtigt werden könne. Waaas? Liebe Auslober … bitte, bitte schreibt doch, dass Ihr das Material schreddert, sofern kein Rückumschlag mitgeschickt wird. Ich würde mir diese 1,45 dann sparen, denn was soll ich mit dem Kram, den ich nie wieder verwenden kann, allein schon deshalb nicht, weil das Von-Hand-zu-Hand-Reichen innerhalb der Jury notwendigerweise Spuren hinterlässt, die ich einer nächsten so niemals zumuten würde?

Wie schön-praktisch klingt es doch bei literarischen Ausschreibungen! Da heißt es einfach: Schicken wir nicht zurück. Fertig.

Vielleicht stehen nun auch schon Termine in der Ausschreibung: Also … auf Verdacht in den Kalender schreiben. Noch weiß man nicht, ob sie relevant sind. Aber die Einlieferungstermine sind meist so knapp bemessen, dass man sie freischaufeln und freihalten muss. Und ebenso muss man die Bilder, deren Fotos man eingereicht hat, auf Verdacht reservieren, also wegstecken, nicht zeigen, es könnte ja jemand kaufinteressiert sein. Dieser Zustand kann sich auch schon mal Monate hinziehen.

Juchhuu, dann bekommt man also (wenn man schon gar nicht mehr dran gedacht hat) die Zusage. Also: Terminkalender aktivieren. Und dann zum richtigen Zeitpunkt Arbeit/en verpacken und losfahren. Dieser Tag ist dann schon mal „kaputt“.
Na guuut, man sieht mal was Anderes, Orte, die man nicht kennt. Aber … nun ja. War das trüb in diesem Fall. Ich hatte Hunger, aber es fand sich nichts, nichts zu essen (zu kaufen). Zwischen Bahnhof und Schloss ist leider einzig eine Apotheke, und abgesehen davon, dass die nichts Passendes zu essen hat, war sie auch noch über Mittag geschlossen. Aber mancher meint ja ohnehin, dass wir Kunstschaffenden mit Luft und Liebe auskommen. Daher gibts ja auch so gut wie nie Ausstellungshonorare. Heißt: Wenn man keinen Sechser im Lotto hat und das eingereichte Bild nicht verkauft wird, gilt die alte Weisheit: Außer Spesen nichts gewesen. Von daher muss man vielleicht sogar froh sein, das ersehnte Brötchen gar nicht „kaufen gekonnt“ zu haben.

Mir graust schon vor der unwirtlichen Rückhol-Aktion, ehrlich.
Und wenn man dann als auswärtige Kunstschaffende gar nicht gewollt ist, wirds halt noch unwirtlicher. Wir künstlerischen Regionalligisten (also wieder die von auswärts) spielten erkennbar nicht in der Bundesliga, heißt es im Artikel. Aber...

... genau: Er, der Artikel, hätte der Ausstellung doch wenigstens ihre Öffnungszeiten gönnen bzw. sie korrekt mitteilen können. Wer sich jetzt montags auf den Weg macht, guckt doof, denn er hätte mittwochs kommen sollen, was in der Zeitung aber verwechselt wurde (zumindest in der Fassung, die mir vorliegt). Na denn!









© Marlies Blauth








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