Donnerstag, 20. August 2020

#Kohlestaub Tagebuch | 1









Das Geld ist noch nicht da – aber heute wage ich schon einen Einstieg in mein Projekt, der nicht viel kostet: Ich besuche einen der letzten Kohlenhändler im Ruhrgebiet (August Happe Heizöl und Kohlen in Dortmund-Hörde). Dass dieses Familienunternehmen ganz in der Nähe meines Elternhauses liegt, gefällt mir natürlich außerordentlich. Mein Fußweg dorthin, wie immer durch heimatliche Straßen und Landschaft, ist ein Vergnügen für mich.

Aber ich gehe erst noch ein paar Tage zurück: Vor fünf Tagen bekam ich die Zusage, dass mein #Kohlestaub-Projekt mit einem Stipendium gefördert werden kann. Nachdem mein Antrag auf Corona-Soforthilfe für KünstlerInnen schnöde im Nichts verschwand und ich monatelang die A-Karte mit mir herumtrug (was meine ohnehin depressive Corona-Laune nicht besser machte), ist das nun, so ungeahnt wie rasch, ein wunderbarer Lichtblick. Und die Projektgebundenheit eine Herausforderung.










Herausforderung. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: Jenseits der Bahnlinie, an der Semerteichstraße, gab es ein Fachgeschäft für Künstlerbedarf. So etwas kannte ich „von zu Hause“ nicht, da hatte man den Malkasten für die Schule und ’nen Bleistift, mehr nicht.
Und nun ein Blick ins Paradies!
Allein die besondere Atmosphäre: Hinter den rußgeschwärzten Häusern lag ein idyllischer Hinterhof. Eine altmodische Tür führte in den Laden, darin reichten die Regale mit Farben und Papieren und Malmitteln bis hoch an die Decke. Den Freund, der mir diesen Besuch im künstlerischen Traumland ermöglichte, amüsierte mein endloses Staunen sehr; in seiner Familie waren alle irgendwie künstlerisch tätig, er konnte sich mein Unwissen überhaupt nicht vorstellen. Zu meiner Ehrenrettung sei erwähnt, dass es damals noch nicht den boesner-Katalog gab, mit Hilfe dessen ich hätte Nachhilfe nehmen können.
Mein Staunen wandelte sich in Begeisterung und Rausch. M. hatte Geld dabei (ich nur Kleingeld), und ich, die niemals Schulden macht, kaufte ein: Für gut 80 DM, die mir nicht gehörten, wanderten die allerschönsten Farbtöne in meine Tasche: Olivengrün, Krapprot, Nachtblau und Neapelgelb. Damals, Anfang der 70er Jahre, war das eine erkleckliche Summe (zum Vergleich: ein paar Jahre später zahlte ich 170 DM Warmmiete für ein modernes, geräumiges Zimmer mit Kochnische und Bad); entsprechend groß war das Unverständnis meiner Eltern. Aber der Rüffel war mir egal, für mich öffneten sich Tore und Türen für ganz neue Aussichten, ich stand an einem Scheitelpunkt, an einem Markstein: Jetzt – jetzt beginnt die richtige Malerei!

Nicht ganz so voller Staunen, aber doch ähnlich glücklich reagiere ich nun angesichts des Stipendiums: Es eröffnet mir jede Menge neuer Möglichkeiten. Kommerzielle Anforderungen sind vorerst nicht mehr wichtig, ich darf sogar etwas Geld ausgeben, wenn ich längs und quer durchs Ruhrgebiet fahre und später meine Eindrücke ins Bild setze.

Ich mache heute den Anfang und hole mir ein paar Stücke Kohle, die ich zu Staub verschiedenster Körnung zerreiben und gestalterisch einsetzen will. Zwar habe ich in den letzten Jahren schon verschiedene Kohlestäube ausprobiert, die habe ich jedoch „fertig“ gekauft, edlerweise abgefüllt speziell für zeichnerische Zwecke.

Nun also die authentische Variante.
Ein freundlicher Mitarbeiter von Happe gestattet mir einen Rundgang über den Hof, er erläutert und erzählt. Das macht er manchmal auch mit Kindergartengrüppchen aus der ehemaligen Kohle-Stahl-(und-Bier-)Stadt Dortmund, die das „schwarze Gold“, das lange eine ganze Region prägte, noch nicht oder besser nicht mehr kennen.







Diese Heimatsprache … wenn der Mann jeden dritten Satz mit diesem Woll? beendet, das mir im Rheinland so fehlt! Ich höre, dass die Kohle heutzutage aus China, Venezuela, England und Polen kommt (nur eine Sorte ist noch aus Ibbenbüren im Tecklenburger Land). Man kann es sich kaum vorstellen, da wir ganz sicher gerade auf irgendwelchen Flözresten im Dortmunder Süden stehen, da, wo die Kohle nicht so tief lag, zum Teil sogar an der Oberfläche, so dass man sie bereits im Mittelalter einfach aufsammelte oder in kleinen Pütts abbaute – laut Wikipedia erste Erwähnung 1302 in Schüren; dort, in Schüren, haben wir seinerzeit mit der Schulklasse nach Versteinerungen/ Kohlestücken mit Pflanzenabdrücken gesucht und gefunden.

Nun kauft man die Kohle also aus allen Teilen der Welt. Vergisst einfach, dass wir hier strengste und modernste Sicherheitsbedingungen hatten, die man „woanders“ nicht unbedingt so eng sieht; ob es dort noch Kinderarbeit im Bergbau gibt?

Aber die Zechenschließungen hierzulande stehen natürlich auch mit dem Niedergang fossiler Brennstoffe in Verbindung, es war ja nicht nur der Preiskampf. Wer heizt noch mit Kohle? Es gibt noch ein paar wenige Kohleöfen und -heizungen, vereinzelt Schmiede, die sie brauchen, ein kleiner Rest Stahlproduktion in Dortmund: Die Lieferaufträge sind auf ein Minimum geschrumpft, man kann es sich denken. Allerdings wäre man in meiner Schulzeit nicht darauf gekommen, dass der Braunkohleabbau eine längere Lebenszeit haben würde als die Steinkohleförderung.





Ich nehme Eierkohle, Anthrazit (die so glänzt, als könne man Schmuckstücke daraus machen), ein Brikett (der Fachmann sagt, das sei schon immer Braunkohle gewesen … echt jetzt??) und ein paar Stückchen Schmiedekohle mit – und freue mich.

Ich liebe die unprätentiösen Gegenden, durch die mich mein Rückweg führt; ruhig ist es geworden hier, und sehr grün. Menschen, zu Fuß und auf dem Rad, sind auf der Brücke, über die früher die Straßenbahn rumpelte. Ältere Männer und Eis schleckende Kinder mit ihren Müttern sitzen auf Bänken, da, wo sich früher die Haltestelle befand. Wie oft mag ich da auf die Bahn gewartet haben? Gegenüber befand sich einmal die Stadtteil-Bibliothek; dort war ich ebenfalls oft, und wie gern! Sie lag in einer der oberen Etagen, die offenbar irgendwann zurückgebaut wurden; ich erinnere mich an den Blick von oben auf die Häuser, durch Bücherregale hindurch. 

Ich nehme den Zug „in die Stadt“, wo ich noch in eine der großen Kirchen will, ein Pflichtbesuch sozusagen, wenn ich in meiner Heimatstadt bin. Diesmal ist es St. Petri, diese eigenartige Mischung aus Schlichtheit und überbordendem Gold. Der kostbare Altar ist, aus klimatischen, konservatorischen Gründen, hinter einer Glasscheibe zu sehen. Für mich noch immer gewöhnungsbedürftig, auch wenn ich es natürlich einsehe. Ähnlich geht es mir mit meiner eigenen Maske, die ich aufziehe, als ich die Kirche betrete.






St. Petri ist mir ans Herz gewachsen – wie die übrigen alten Kirchen der Innenstadt, jede auf ihre Weise. St. Marien berührt immer wieder mein Herz, in St. Reinoldi hatte mein Vater Orgelunterricht, später wurden dort im Rahmen einer Ausstellung Bilder von mir gezeigt; St. Petri aber befand sich Jahrzehnte hinter einem Bauzaun, sie war die letzte, die nach der Weltkriegszerstörung wieder aufgebaut wurde. Als sie dann fertig war, musste ich oft an ihrer verschlossenen Tür rütteln – bis sie, endlich, auch außerhalb der Gottesdienste zugänglich war (der Bauzaun hatte mich, wie eine Verhüllung oder Verpackung, so dermaßen neugierig gemacht, was denn dahinter ist, gleichzeitig waren die kriegszerstörten Gebäude eine Warnung an Mahnung an mich als Kind, immer).
Demnächst bin ich an einer Lesung in dieser Kirche beteiligt, was mich herzlich freut.





Mein Schreibzeug ist immer dabei; meine Maske im Zug hindert mich zwar am Sehen und Denken, ich hoffe aber, dass mein Unterwegs-Schreiben nun wieder neu inspiriert wird, so wie „vor Corona“. Es wäre wunderbar, wenn in den nächsten Monaten ein neues Buch entstehen würde: Kohlestaub über Voluten, bevor er ganz abgewaschen ist.




Marlies Blauth | 18. August 2020


Text und Fotos © Marlies Blauth

































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