Dienstag, 1. September 2020

#Kohlestaub Tagebuch | 4



Mittags in Syburg


Diesmal fahre ich zu einem Lieblingsort, der sich allerdings schon immer durch Abwesenheit von Kohlestaub auszeichnete: Dortmund-Syburg, ganz im Süden. Dort gibt es eine uralte Kirche mit Friedhof, einen „wundertätigen“ Brunnen, eine Burgruine, ein (Aussichts-)Turm aus dem 19. Jahrhundert, ein Kaiser Wilhelm-Denkmal und eine Spielbank.

Ich verlasse die Innenstadt mit dem Bus, das Urbane wandelt sich zu Wohngebieten, die Wohngebiete werden weniger dicht, wir fahren durch Wald. An den letzten Stationen sitze ich ganz allein in dem riesigen Gelenkbus und komme mir vor wie in einem überdimensionierten Taxi.

Die Endstation zeichnet sich durch menschenleere Ruhe aus, und ich kann nachvollziehen, warum früher für mich ein Ausflug (hieß bei uns: Wanderung hin und zurück, insgesamt etwa 15 km) nach Syburg immer war wie ein Urlaubstag: eine andere Welt, zumal damals, als die Stadt noch grau war und man das Stahlwerk noch hörte. Hier stehen alte Häuser, gemauert aus Bruchsteinen. Nie erschienen sie mir wirklich freundlich, irgendwie strahlen sie etwas Hermetisches aus, aber herb-romantisch, ja, das sind sie.
Ich laufe die Syburger Kirchstraße entlang, die erst ein Stück abwärts führt und dann wieder aufwärts. Ja, hier beginnt das Sauerland, man konnte die hügelige Landschaft schon während der Busfahrt empfinden und in die Weite aufs Mittelgebirge schauen.
Nun komme ich am „Klösterchen“ vorbei, einem Fachwerkhaus, in dem vermutlich früher Pilger beherbergt wurden. Es soll das älteste (Wohn-)Haus in Syburg sein. Rechts daneben der rätselhafte Brunnen, wegen dessen Wundertätigkeit die Pilger wohl kamen. Aber in der modernen Zeit braucht man keine Wunder mehr, der Brunnen scheint nicht mehr zu fließen (soll er nicht, kann er nicht?), jedenfalls sieht man nur noch einen eigenartigen Verschlag, in dem auch Gartengeräte untergebracht sein könnten. Mir fällt die Geschichte ein, als im 13. Jahrhundert ein Großteil der Dortmunder Bürger nach Syburg pilgerte – und von da aus mit ansehen musste, wie ihre Stadt einem verheerenden Brand zum Opfer fiel.








Es geht weiter aufwärts zur Peterskirche, vorbei an alten Gärten mit Stockrosen, Brombeerhecken und Obstbäumen, Spätsommerdüften. Die Kirche selbst strahlt eine Kargheit aus, die zu mahnen scheint, man solle sich aufs Allerwesentliche konzentrieren. Der klotzige, wehrhafte Turm lässt erahnen, dass es in früheren Zeiten tagtäglich existentielle Probleme für die Menschen gegeben hat. Aktuell lässt uns Corona ein Stück davon nachempfinden.










Hier gibt es keine Blumenrabatten oder andere liebliche Details, nur Grasflächen mit zahlreichen uralten Grabsteinen. Teilweise tragen sie eingemeißelte Totenschädel mit gekreuzten Knochen, man hört das Memento mori der Renaissancezeit klingen, in der sogar dargestellte Musikinstrumente oder Blumen ein unzweifelhafter Hinweis auf die Vergänglichkeit waren. Aus dieser Zeit stammen die Grabsteine auch.
Auffallend viele Engel sind zu sehen, aber hier sind sie alles andere als putzig, eher skurril; man weiß nicht, ob man sie humorvoll auffassen soll oder auch wieder als mahnende Wesen.







Die Kirche ist, wie immer, geschlossen. Ich atme die herbe Luft draußen; man hat das Gefühl, die verwitternden steinernen Zeugen werden zu Sand, der einem ins Gesicht weht. Das Tor zu Friedhof und Kirche war einladend geöffnet, aber hier ist nichts, was zum Verweilen auffordert, keine Bank. Man kann nur durch die Grabreihen schreiten und diesen „Kraftort“ spüren. Früher kannte ich diesen etwas modischen Begriff nicht, aber dass hier eine eigenartige Energie wirksam ist, merkte ich auch da.






Da es keine Sitzgelegenheit an diesem doch so besonderen Ort gibt, man aber auch nicht ständig Runden drehen oder blöd herumstehen will, verlasse ich ihn bald wieder. Ich fühle mich einerseits wie herauskatapultiert und spüre andererseits den Wunsch, noch etwas zu bleiben. Wieder einmal diese ständige Ambivalenz des Ruhrgebiets, nur hier eine ganz spezielle.

Ich laufe weiter nach oben, zur Burgruine Hohensyburg. Angeblich soll hier, an der Sigiburg, Karl der Große die Sachsen besiegt haben. Es gibt aber wohl auch andere Stellen, die das für sich in Anspruch nehmen.
An der Spielbank komme ich vorbei, aber die ist nicht wichtig für mich. Sehe einen etwas sonderbar platzierten Ziehbrunnen, den man wohl auf einem Bauernhof vorgefunden und hier hingestellt hat. Schade, dass hier so gar nichts sprudelt, wo es doch mehrere Quellen geben soll. Vielleicht hätte ich gern das Sinnbild für Kreativität, also sprudelnde Ideen, vor mir – wer weiß.







Menschen treffe ich kaum, und allein durch die Burgruine zu stapfen, empfinde ich fast als gruselig. Aber hier ist es licht und sonnig, und der Blick von oben auf Ruhr und Lenne ist wunderschön. Und man sieht die Berge im Dunst verblauen; wieder einmal „verstehe“ ich meine Bilder. Hier war alles immer genau so wie jetzt, und für Landschaften war ich auch als Kind schon empfänglich. Diese Bilder sind abgespeichert in meinem Kopf.











Durch die Parklandschaft verlasse ich die wilde Burg. Sie hätte ich immer schon gern „ganz“ gesehen, am besten mit der kompletten Ausstattung. Ruinenromantik ist nicht so meine Sache; vielleicht auch hier Memento mori, und zwar zuviel.

Da ich schon lange unterwegs bin – ich wohne ja schon lange nicht mehr in Dortmund, sondern am Rhein –, habe ich Hunger bekommen.

Im Restaurant „Alt Syburg“, so wird man an der Kirche informiert, kann man sich einen Pilgerstempel abholen. Zwar bin ich nicht so ganz richtig gepilgert, aber ich war an allen wichtigen Stätten und meine, dass ich dieses Souvenir also verdient habe. Ganz zeitgemäß bekomme ich es später digital zugeschickt, da nur der Restaurantchef weiß, in welcher Schublade sich der Stempel befindet, er aber während meines Mittagessens nicht hier ist.
Ich bestelle mir einen Matjesteller und einen Kaffee, sitze draußen und genieße die Atmosphäre. Es sind nun mehr Menschen in Syburg angekommen, sie laufen teils mit Wanderstöcken an mir vorbei und grüßen mich so, als würden sie mich kennen. Mancher wünscht mir sogar einen guten Appetit. Auch meine Nebentische werden besetzt, ich staune darüber, wie schnell die sich fremden Gäste in Kontakt kommen und sich bei einer Wohnungssuche behilflich sein wollen. So etwas verbindet man mit den „sturen Westfalen“ ja eher nicht … ich als Neu-Rheinländerin habe wohl vergessen, dass sie gar nicht stur sind  
sondern oftmals ganz herzlich; man muss nur genau hinschauen und -hören.






Marlies Blauth | 31. August 2020






















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