Dienstag, 27. Oktober 2020

#Kohlestaub Tagebuch | 13

 




Industriebrache – Sauerland – Stadt

je 15 cm x 25 cm, Kohlestaub (oben: mit Ölfarbe) auf Malpappe, Okt. 2020

 


In eine andere, falsche Zeit gefallen

 

Wohin geht es mit uns?

Ich möchte um Hilfe rufen, schreien, ich möchte endlich aufwachen aus diesem unguten Traum.

Über uns pendelt das Damoklesschwert „Lockdown light“ – was beinahe freundlich klingt, es aber nicht ist: Gastronomie und Kultur sollen gleichsam geopfert werden (und „bluten“), damit der Covid-Gott gnädig gestimmt wird.

Gleichzeitig höre ich im WDR, dass es zulässig ist und folglich praktiziert wird, in der Tierhaltung, namentlich der Geflügelhaltung, jene Antibiotika einzusetzen, die eigentlich als Reserve-Mittel für hartnäckige Infektionen beim Menschen vorgehalten werden. Mit dem aktuell veröffentlichten Ergebnis, dass sich auf Hähnchenfleisch bereits multiresistente Keime tummeln.

Keime, an denen man sterben kann wie an Corona (und die Sterbezahlen sind keineswegs zu vernachlässigen). Keime, die man teilweise sein Leben lang nicht mehr loswird. Keime, die schon zu Amputationen geführt haben. Und das ist dann „Schicksal“? Was für eine schräge Perspektive entwerfen wir da eigentlich gerade?

Hier sind wir ja bereits angekommen:

 

an der Haustür (mit Maske)

 

die Fremde

bei der ich ein Päckchen abgebe

streichelt

ganz kurz und ganz sanft

meine Hand

und legt sogleich

ein Briefchen hinein:

mit Desinfektion

 


Dieser Moment war voller Herzschmerz, denn es handelte sich um eine alte Frau, die so verloren, so einsam wirkte. Aber mit der Mimiklosigkeit der Masken sagt man ja nur das Allernötigste. Feine Nuancen sind unmöglich gemacht. Diese sekundenkurze Berührung war ein Versuch, diese Unmöglichkeit zu überwinden. Um dann sofort alles wegzuwischen: mit einem Desinfektionstüchlein.

Vielleicht sollten wir Lyrik in die Briefkästen legen … Lyrik, die sich nicht so einfach wegwischen lässt. Oder Kunst.

Wie wäre es früher gewesen, hätte ich einer alten Frau ein Päckchen gebracht? „Komm, Härzken, komm rein. Trinkste’n Kaffe mit?“ Wo nur ist diese Zeit geblieben?

 


Marlies Blauth | 27. Oktober 2020

Text und Bilder  © Marlies Blauth












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