Samstag, 21. November 2020

Ein Engel auf dem Pflaster [Kurzprosa]

 






Ein Engel auf dem Pflaster


Ich gebe es zu: Ich bin eine lausige Urlauberin. 

Ich nehme es, wie es kommt, die Ziele sind mir weitgehend egal, Hauptsache, es sind nette Menschen dabei und ich kann jeden Stress hinter mir lassen.

Den Ehrgeiz, dass man dies und das „gesehen haben muss“, hatte ich noch nie. Ich lasse mich eher treiben, streife durchaus manche Sehenswürdigkeit, stelle allerdings fest, dass mich unbedeutende Orte und namenlose Gegenden genauso für sich einnehmen können.

So ist es zu erklären, dass persönliche Erlebnisse eher in meinem Gedächtnis hängenbleiben als das, was ein Urlaubsort gemeinhin so hergibt.

Das römische Kolosseum war für mich weit weniger spannend als das dortige Gespräch mit einem aufmüpfigen katholischen Geistlichen. Ferner verbinde ich mit Rom noch jenen stümperhaften Taschendieb, der es zwar schaffte, meinen Rucksack zu öffnen, den entscheidenden Griff in dessen geheimnisvolle Tiefen aber nicht hinbekam.

Norwegen ist für mich in erster Linie stundenlanges Herumirren in der Wildnis, nachdem ein Weg, der uns eigentlich nach Hause führen sollte, abrupt endete. Norwegen ist auch traurige Melodie, die ein blondes Mädchen, am Seeufer sitzend, auf einer zurechtgeschnittenen Papprolle flötete.

An einem Ski-Ort in den Dolomiten geriet ich in eine jugendliche Prügelei; in Den Haag flüchtete ich vor einem Unwetter und bekam in einem Museum, das eigentlich geschlossen hatte, einen freundlichen Kaffee.

Nach Finnland wurde ich mit einem Reise-Stipendium eingeladen, die abbruchreife alte Schule, die meine Unterkunft darstellte, war beeindruckend. Dort aßen wir, unserer sprachlichen Unkenntnis geschuldet, tatsächlich einmal Hundefutter, ohne es zu wissen und zu merken.


Goslar, die Weltkulturerbe-Stadt im Harz, hätte mir fast das Genick gebrochen.

Während einer Stadtführung, die uns durch die uralten Sträßchen spazieren lässt, finde ich es wunderbar, auf die vielen Details hingewiesen zu werden, die man als Passant viel zu oft übersieht. 


„Und hier, das Siemenshaus mit dem Motto über der Tür „Ora et labora“ … ein Zweig der Familie gründete Jahrhunderte später tatsächlich das Weltunternehmen Siemens …“

Wir stehen da wie Hans-Guck-in-die-Luft, die ganze Zeit schon, es macht auch Sinn, beim Schauen stehenzubleiben.

Denn: Beim Gehen muss man aufpassen. Ich habe noch nie so viele Arten von Straßenpflaster gesehen, das ständig unvermittelt wechselt, von runden Natursteinen zu Asphalt, von flachen Platten zu Kopfsteinpflaster. Viele Stellen sind abgenutzt, manche sind mit neuen, anderen Steinen ausgebessert. Wir haben uns mit dem vielzitierten passenden Schuhwerk ausgestattet, in eleganten, spitzhohen Schühchen hat hier niemand eine Chance.

Oft bin ich etwas langsamer als die anderen. Ich muss mir noch irgendwelche Ungeheuerfratzen oder frommen Inschriften ansehen. Oder ein Foto machen oder mir eine Gedichtzeile ausdenken.

Und jetzt schnell den Anschluss wiederfinden, sonst sind die anderen in einem Gässchen verschwunden, an dem ich womöglich vorbeilaufe.

Hach, geschafft. Die Stadtführerin hat gerade etwas erklärt, was ich nicht mitbekommen habe. Ich bin neugierig und sehe auf das Haus, das wirklich spektakulär wirkt mit seinen opulenten Verzierungen. Was mag die Gruppe darüber erfahren haben?
Alle wandern weiter, jetzt aber schnell! Nicht wieder hinterhertrödeln. Die Straße geht abwärts, ich halte mit, allerdings nicht ohne meinen Blick von der Häuserzeile mit den kunstvollen … und daaaaa – stolpere ich und fliege plötzlich durch die Gegend, die abschüssige Straße hinab. Fast schaffe ich es, auf meinen beiden Füßen zu landen. Aber die Muskelkraft reicht nicht ganz, ich stolpere nochmals und falle mit meinem ganzen Körpergewicht auf mein Kinn. Der Schmerz trifft mich wie ein Blitz, ich liege wie ein erlegtes Stück Wild mitten auf der engen mittelalterlichen Straßenkreuzung, ich höre die Touristengruppe Ooouuuuh raunen und mit den Füßen trappeln.

So, jetzt ist es passiert, denke ich, Kiefer gebrochen, Zahnimplantat auf Wiedersehen, Krankenhaus … bin ich überhaupt noch lebendig? Ich fingere mir am Kiefer herum.

Sofort zerren ein paar Arme an mir, um mich aufzustellen wie eine Schaufensterpuppe. So, als wäre alles wieder gut, wenn ich nur wieder in der Vertikalen bin und Normalität vortäuschen kann. Ach, wie gern würde ich noch liegen bleiben!

Irgendjemand sucht nach einer Sitzgelegenheit für mich, aber nun stehe ich ja schon. Unfreundlich nuschele ich, dass ich keinen Stuhl brauche. „Alles in Ordnung?“ werde ich lapidar gefragt, aber das kann ich doch noch gar nicht beantworten. Weiter geht’s, die Stadtführung muss im Zeitplan bleiben.

Ich taste und friemele und merke, dass mein Unterkiefer tatsächlich noch ein Stück zu sein scheint. Die Zähne schmerzen zwar sehr, wie die ganze Gegend um sie herum, sie sind aber wohl noch vollständig. Sollte es … nochmal gut gegangen sein?

Dort hinten ist eine Apotheke, jemand besorgt mir eine eisgekühlte Kompresse. Mein Kinn ist dunkelblauschwarz, sehe ich, aber dermaßen dezent an der unteren Kante, so dass ich fast noch normal aussehe.

Das kalte Schwabbelding tut gut, und ich beschließe, erstmal auf Arzt oder Krankenhaus zu verzichten.

 

Am nächsten Tag komme ich noch einmal an der Unglücksstelle vorbei und sehe, dass da ein ganzer Pflasterstein fehlt, mein Fuß muss also in der Kuhle hängengeblieben sein. Ich höre meine Mutter, wie es so viele Mütter sagen: „Guck, wo du hintrittst“. „Und bedank dich bei deinem Schutzengel“, ergänzt sie zum Schluss.

 

Erzbergwerk und Kaiserpfalz habe ich fast schon vergessen, meine persönliche Touristenattraktion bleibt der Goslarer Engel auf dem Pflaster.

 

© Marlies Blauth

Die Fotos zeigen die Neuwerkkirche (und ein Detail) in Goslar








Keine Kommentare: