Werden und Vergehen – noch einmal Phoenix West, außerdem die Hympendahlbrücke
Mein letzter Blogbeitrag zu diesem Projekt, Nummer 25 klingt doch gut, oder? Das nächste Stipendium ist bestätigt, jetzt muss ich einen guten Übergang zwischen beiden Themen, beiden Serien, hinkriegen. Daher lasse ich das Ruhrgebiet langsam „ausschleichen“, während mein Buch dazu langsam Gestalt annimmt: Im Sommer soll es erscheinen.
Noch einmal führt mich mein Weg nach Dortmund: Auf dem Gelände von Phoenix West ist eine Outdoor-Ausstellung der Dortmunder Gruppe (der ich angehöre) zu sehen: über 80 Künstlerfahnen sind an zwei langen Zaunstrecken installiert. Auch wenn es sich hier nicht um Originale handelt, sondern um wetterfeste Drucke, so punktet die Ausstellung jedenfalls durch ihre Außergewöhnlichkeit und Vielfalt. Eine schöne, kreative Präsentation, den Maßgaben der Gegenwart geschuldet, durch die unzählige Veranstaltungen nicht nur auf unbestimmte Zeit verschoben, sondern großenteils auch unwiederbringlich gemacht wurden.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich vor über 30 Jahren in die Dortmunder Gruppe kam: Der damalige Vorsitzende Otto Bahrenburg mochte mich und meine
Arbeiten, war irgendwie auf mich aufmerksam geworden, nun musste aber noch
abgestimmt werden. Damals traf sich die Gruppe noch im Fritz-Henßler-Haus,
einem typischen 50er-Jahre-Bau (oh, nur zwei Jahre älter als ich …), und ich
schleppte einige meiner Bilder an, um mich damit vorzustellen. Schließlich musste ich draußen
vor der Tür über mein „Urteil“ warten. Und dann hieß es: angenommen. Meine
erste Mitgliedschaft in einer Künstlervereinigung. Ein paar weitere sollten noch
folgen, teils ein Kommen und Gehen, doch in Dortmund bin ich nach wie vor „zu
Hause“ – auch künstlerisch. So habe ich 6 meiner Kohlestaub-Bilder auf „meine“
Fahnen drucken lassen, in der Hoffnung, dass sie so gehängt werden, dass man
die „stolzen Gerippe“ des Phoenix-Werkes im Hintergrund sehen kann … leider hat
es so nicht geklappt. Egal, ich freue mich, dabei zu sein.
Ganz in der Nähe (so nahe hatte ich sie gar nicht vermutet) befindet sich die Hympendahlbrücke. Früher konnte man sie, wenn ich mich richtig erinnere, nur von Weitem sehen, jetzt kann man auf Spazierwegen darunter her laufen oder um sie herum.
Hympendahlbrücke
wie ein Gemälde
voller Ruinenromantik –
ein Viadukt
das keines mehr ist:
sein Herzstück zerfiel
unter der Last der Schlacke
die Riesen
die Brückenköpfe
weisen seitdem den Weg
ins Nichts
Als wir noch in (Dortmund-)Aplerbeck wohnten, war ich ein Kleinkind. Einen
Garten hatten wir nicht, dafür eine Jahreskarte für den Westfalenpark – den ich
herzlich liebte, überall Brünnchen, Sandkästen, Spielplätze, Skulpturen in Tiergestalt.
Aber unser Weg führte jedesmal an der Hympendahlbrücke vorbei. Ruinen, damals
noch zahlreich in Dortmund, waren ohnehin nichts für meine übersensible Seele, besonders
diese kaputte Brücke belastete meine Stimmung erheblich: Meine Angst, sie könne
von Unwissenden begangen werden, die dann ins Leere treten und fallen, hielt
sich beharrlich über meine ersten Lebensjahre. Ich meine mich zu erinnern, dass
ich sogar Schrei- und Heulanfälle hatte, wenn die Aussicht auf den wunderbaren Park
wieder einmal durch das Drama dieser Brücke verdorben war.
In der Zwischenzeit, etwa sechzig Jahre sind es nun schon, hat sich an
der Brücke (außer ein paar Graffiti) nicht viel verändert; an meiner Perspektive
natürlich einiges. Die Brücke ist eindeutig gesichert, wovon ich mich als Kind lange nicht überzeugen ließ, und kunsthistorisch ist interessant, dass im 19. Jahrhundert
sogar künstliche Ruinen die Landschaft zierten, eben weil es so romantisch ist.
Mittelalterträume …
Und so endet mein Ruhrgebiets-Projekt hier. Geplant waren viel mehr Ausflüge,
doch die Corona-Situation machte nicht alle möglich. Über siebzig Bilder sind entstanden, ein paar konnte ich verkaufen, andere werden hoffentlich demnächst in einer Ausstellung gezeigt.
Nun freue ich mich auf mein Buch Bilder aus Kohlenstaub und sage Bescheid, wenn
es erschienen ist.
Marlies Blauth | 25. April 2021
Text und Bilder/ Foto (2) © Marlies Blauth Foto (1) Andreas Blauth
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